Medienaktien
Blackout auf der Mattscheibe

Immer weniger Menschen in den USA zahlen teure Abonnements für Kabel-TV. Online-Anbieter wie Netflix, Apple-TV, Amazon Fire TV und Android TV sind starke Konkurrenz für das klassische Fernsehen.
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San FranciscoDer Netflix-Schock fährt der Wall Street in die Knochen: Die Internet-Revolution hat endgültig die TV-Industrie erreicht und Investoren verabschieden sich im großem Stil von der alten Welt der Glotze und wenden sich Revoluzzern wie Netflix oder Youtube zu. Selbst Facebook startet seinen eigenen Live-Video-Sender.

Als Walt Disney am Mittwoch Probleme mit seinem Sportsender ESPN meldete, da gingen an der Wall Street schon die Warnlampen an. Als am Donnerstag dann die Verkündung schlechter Zahlen aus der Medienbranche kein Ende nahm, zogen die Anleger die Reißleine. Viacom, die Muttergesellschaft von MTV, Nickelodeon und dem Filmstudio Paramount, verlor 14 Prozent. Disney, die am Vortag neun Prozent verloren hatten, gaben noch einmal zwei Prozent ab.

Die Mediengruppe 21st Century Fox von Rupert Murdoch schlitterte vier Prozent ab. AMC Networks, ein beliebtes Kabel-TV-Netzwerk in den USA, verlor bis zu 14 Prozent und berappelte sich bis Handelsschluss auf ein Minus von vier Prozent. Discovery Communications (Oprah Winfrey, Eurosport, DMAX) brachen am Mittwoch zwölf Prozent ein, konnten am Donnerstag aber wieder 3,4 Prozent gutmachen.

Der Satelliten-Sender Dish meldete den Verlust von 81.000 zahlenden Kunden im Quartal, doppelt so hohe Abgänge wie noch im Jahr zuvor. „Wir sind in einem gesättigten bis sinkenden Markt für lineares TV wie wir es kennen“, räumte Dish-Vorstandschef Charlie Ergen im Analystengespräch ein. Auch Disneys ESPN, die größte Geldmaschine des Konzerns, verlor netto Kunden.

Analyst Todd Juenger von Bernstein fasst es in einer Kundennotiz so zusammen: „Der Markt hat die Äußerungen Disneys wohl dahingehend interpretiert, dass sich der Trend zur Kündigung von TV-Abonnements beschleunigt und letztlich ein Ende der Paketangebote bedeuten könnte.“ Pay-TV-Anbieter sind bekannt für ihre Bündel-Taktik: Attraktivste Sender werden auf Pakete aufgeteilt, die mit unattraktiven Angeboten aufgefüllt werden.

So muss der Kunde zum Basisangebot, das zum großen Teil aus TV-Verkaufskanälen und Dauerwerbesendungen besteht, mehrere Pakete zukaufen, um seine Lieblingsprogramme zu sehen. TV-Kabelrechnungen erreichen in den USA schnell 100 Dollar im Monat, mit Internet und Festnetztelefon sind 200 Dollar nicht unüblich. Nicht zu vergessen: Für HD-Qualität auf dem Bildschirm lassen sich die Kabel-Betreiber ebenfalls extra bezahlen.

Zwar versuchte Disney-Chef Bob Iger am Mittwoch noch die Bedenken zu zerstreuen und beteuerte, er sehe keine dramatischen Veränderungen in den TV-Vertriebswegen in den kommenden fünf Jahren. Aber er fügte auch hinzu: „Wir sind realistisch, welchen Einfluss Technologie darauf hat, wie Produkte verkauft, vermarktet und konsumiert werden.“

Denn ein Abonnement des Internet-Kino- und Serienkanals Netflix kostet nur rund zehn Dollar im Monat und verlangt nur nach einem normalen Internetanschluss. Die Aktie des kalifornischen Start-ups ist in den vergangenen drei Monaten um 56 Prozent gestiegen. Time Warner dagegen, Mutter des Serienkanals HBO, liegt auf Neunmonats-Tief. HBO hat gerade erst „HBO Now“ gestartet, einen Bezahl-Kanal nur für Mobilgeräte, der kein HBO-Kabel-Abo voraussetzt. Nur etwas weniger als ein Prozent der TV-Kunden hätten ihr Kabel-Abo gekündigt und alleine auf Now umgesattelt, freut sich Time-Warner-Finanzchef Howard Averill. Aber der Tag ist ja noch jung.

Googles Youtube ist sogar noch kostenlos zu haben und die Verweildauer der Zuschauer liegt sogar auf Smartphones im Schnitt bereits bei 40 Minuten, teilte der Web-Riese bei der Vorlage der Quartalszahlen mit. Die Werbeeinnahmen stiegen stark, heißt es zudem. Facebook meldet vier Milliarden Videoabrufe pro Tag und startet am Mittwoch einen Live-Streaming-Kanal für Stars und Berühmtheiten, die ihre Fans im Stil der Streamingsender Mercat und Periscope (Twitter) mit Neuigkeiten und Klatsch versorgen können. Schlechte Zeiten für klassische TV-Sender wie TMZ.

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