Milchpreis-Verfall Wie die Börse die Milchbauern retten könnte

Landwirte in ganz Europa ächzen unter dem Milchpreis-Verfall. Der Deutsche Bauernverband bringt nun eine neue Idee ins Spiel, um die Existenzängste zu mildern: Milch soll wie Getreide an Terminbörsen gehandelt werden.
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Der Deutsche Bauernverband sieht in Termingeschäften eine mögliche Lösung für die Preiskrise auf dem Milchmarkt. Quelle: dpa
Milchpreis

Der Deutsche Bauernverband sieht in Termingeschäften eine mögliche Lösung für die Preiskrise auf dem Milchmarkt.

(Foto: dpa)

BerlinBillige Milch freut die Kunden im Supermarkt, doch viele Bauern bangen wegen des anhaltenden Preistiefs um ihre Existenz. Nun gibt es einen neuen Vorschlag, um Stabilität in den Milchmarkt zu bekommen: Der Deutsche Bauernverband (DBV) setzt sich für einen groß angelegten Handel mit Rohmilch über Terminbörsen ein, den es etwa für Getreide seit langem gibt. Es gebe gute Chancen, den Preisverfall abzuschwächen, wenn sich die Unsicherheit über künftige Preise durch feste Terminkontrakte senken lässt, heißt es.

Trotz leichter Erholung hatten die Landwirte zuletzt im Schnitt 23 Cent je Liter erhalten. Um die Kosten zu decken, gelten mindestens 35 Cent als erforderlich. Neben der schwachen Nachfrage aus China und einem hohen Angebot aus den USA und Neuseeland macht Russlands Importstopp für westliche Lebensmittel den Bauern zu schaffen.

Im Jahr 2015 ist der durchschnittliche Milchpreis weltweit um 33 Prozent zurückgegangen, wie aus dem IFCN Dairy Report 2016 hervorgeht – es war das schlimmste Jahr für viele Erzeuger seit Jahrzehnten. „Wir befinden uns gerade in der dritten Milchpreiskrise seit 2007“, betont IFCN-Geschäftsführer Torsten Hemme. Über drei Viertel der Milchbauern in Westeuropa, Nordamerika und Ozeanien konnten ihre Kosten nicht decken.

Der Terminhandel soll nun die Märkte stabilisieren. Bei einem Symposium zur Preisgestaltung hatte der Bauernverband zuletzt kritisiert, dass der deutsche Milchsektor im internationalen Vergleich in diesem Bereich hinterherhinke. „Auch wenn nur eine Handvoll Teilnehmer dabei ist, wäre das sinnvoll“, meint Commerzbank-Rohstoffanalyst Eugen Weinberg. „Es würde Transparenz schaffen.“ Seiner Ansicht nach würden nicht einzelne Bauern in das Termingeschäft einsteigen, sondern eher größere Molkereien oder Genossenschaften. „Diese könnten Preisvorteile dann an die Landwirte weitergeben“, heißt es aus der Verbandszentrale in Berlin.

Auch Sebastian Hess, Professor am Lehrstuhl für Ökonomie der Milch- und Ernährungswirtschaft der Christian-Albrechts-Universität in Kiel, hält die Preisabsicherung über Terminkontrakte für sinnvoll: „Für kleinere Betriebe wären Sammelkontrakte, die Molkereien oder Genossenschaften anbieten, eine gute Lösung.“ In größeren Betrieben mit mehreren Angestellten und höheren Fremdkapitalquoten plädiert er aber für ein Umdenken: „In Deutschland sind es die Landwirte gewohnt, dass das Milchgeld gezahlt wird. Sie halten die Preise mitunter noch für ein rein politisches Problem, was sich aus dem jahrzehntelangen Milchmarkt-Dirigismus erklären mag.“

Die größten Agrarbetriebe der Welt
Holsteiner Rinder für Katar
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Holsteiner Rinder für Katar: Der blockierte Wüstenstaat will seine Milchversorgung sichern und die Zahl der Kühe im Land von 4000 auf schrittweise 25.000 Tiere erhöhen. Eine immer noch überschaubare Zahl, wenn man sie mit den großen Agrarbetrieben der Welt vergleicht. Eine Übersicht.

Quelle: agrarheute.com

Al Safi Dairy in Saudi Arabien
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37.000 Holstein-Rinder und 700.000 Liter Milch pro Tag: Das Unternehmen, dass 1979 durch Prinz Mohammed Bin Abdullah Al Faisal gegründet wurde, schaffte es im Jahr 1998 als der größte vollstufige Milchviehbetrieb der Welt ins Guinness Buch der Rekorde. 2011 ging Al Safi ein Joint Venture mit dem französischen Lebensmittelkonzern Danone ein. Diese Partnerschaft sicherte dem Unternehmen einen Anteil von 36 Prozent am saudi-arabischen Milchmarkt.

Ekoniva in Russland
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Russlands größter Bauer kommt aus Deutschland: Der im Odenwald aufgewachsene Stefan Dürr hat es in Russland zum größten Milchproduzenten gebracht. Dürrs Imperium Ekoniva, aufgebaut durch die Übernahme zahlreicher insolventer Agrargenossenschaften, bewirtschaftet mittlerweile fast 3400 Quadratkilometer Land. Mehr als 45.000 Milchkühe produzieren 1000 Tonnen Milch täglich, insgesamt hält der Betrieb über 99.000 Rinder. 5000 Mitarbeiter erwirtschafteten 2016 an acht Standorten in Russland eine Betriebsleistung von 149 Millionen und ein EBIT von 32 Millionen Euro. Dabei geht das Unternehmen rustikal gegen landestypische Unsitten vor – wer mit Alkohol erwischt wird, fliegt raus.

APH Hinsdorf
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Einer der größten Agrarbetriebe Deutschlands mit insgesamt 10.800 Hektar bewirtschafteter Ackerfläche ist die APH Hinsdorf im Landkreis Anhalt-Bitterfeld in Sachsen-Anhalt. Die Genossenschaft produziert im Jahr circa 20.000 Tonnen Weizen und ist Partner von BASF.

KTG Agrar in Deutschland
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Mehr als 800 Mitarbeiter, Landwirtschaft auf über 46.000 Hektar Land: Die KTG Agrar des Bayern Siegfried Hofreiter war bis zum Sommer 2016 der größte Agrarkonzern Europas, mit 46.000 Hektar Ackerland in Deutschland und Litauen. Dann konnte das börsennotierte Unternehmen die Zinsen für eine Anleihe nicht rechtzeitig zahlen, nach der geplatzten Zwischenfinanzierung eines Grundstücksverkaufs folgte die Insolvenz. 10.000 Investoren hatten zwei Anleihen über insgesamt nominal 342 Millionen Euro gezeichnet. Die Gesamtschulden von KTG liegen bei 600 Millionen Euro.

National Trust in Großbritannien
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Größter Landbesitzer in England, Wales und Nordirland ist der National Trust, Präsident einer der größten Organisationen in Großbritannien ist Prinz Charles (Foto). Dem Trust gehören mehr als 250.000 Hektar Land und knapp 1200 Kilometer Küstenlinie. Das Geschäftsmodell: Zahlreiche britische Adlige vermachten ihre Herrenhäuser und Ländereien der Stiftung. 185.000 Hektar landwirtschaftliche Flächen sind verpachtet, die verbliebenen 15.000 Hektar – zumeist Weideflächen – werden mit eigenem Personal gemanagt.

Mudanjiang in China
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Der Milchviehbetrieb im Nordosten Chinas befindet sich noch im Bau, soll am Ende aber 100.000 Milchkühe versorgen. Das Futter für die Tiere soll auf etwa 100.000 Hektar Land in China sowie Russland angebaut werden. Der Betrieb soll noch auf 200.000 Hektar erweitert werden. Damit wird er zum größten Milchviehbetrieb der Welt.

Doch das individuelle Risikomanagement werde für sie immer wichtiger. In Ländern wie den USA handeln auch die Bauern in den einzelnen Betrieben schon länger mit Milch: „Das liegt zum einen an den im Schnitt deutlich größeren Betrieben. Zum anderen ist die Einstellung dort eine andere: Die Produzenten sehen sich nicht nur als Lieferanten, sondern auch als Vermarkter ihrer Milch.“

Die Hoffnung ist daher auch, dass mit dem Terminhandel die Politik in Deutschland entlastet wird. Die große Koalition hat den Milchbauern ein „Maßnahmenpaket“ inklusive Bürgschaftsprogramm, Steuerentlastungen und aufgestockten Hilfen zugesagt, das noch in diesem Jahr beschlossen werden soll. Das Unterstützungspaket für die Landwirtschaft setze ein gutes Signal in die richtige Richtung, meinte der Präsident des Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied. Agrarminister Christian Schmidt (CSU) hatte jedoch bereits im Juli Erwartungen an eine rein politische Lösung nach dem Ende der EU-Milchquote gedämpft.

Mehr Planungssicherheit – oder eher eine Gefahr?
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6 Kommentare zu "Milchpreis-Verfall: Wie die Börse die Milchbauern retten könnte"

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  • Terminkontrakte auf Lebensmittel / Grundnahrungsmittel, die an Warenterminbörsen gehandelt werden (wie etwa der Chicago Board of Trade) dienten ursprünglich als HEDGE. Produzenten sicherten sich damit z.B. gegen Ernteausfälle ab. Erst das billige ungedeckte Papiergeld und die hemmungslose Kreditexpansion der Zentralbanken, insbesondere der Fed, trieb dann auch Zocker und Spekulanten in diese Terminkontrakte. Künstlich geschaffene riesige Papiergeldmengen trafen auf reale Güter (hier auch noch Grundnahrungsmittel), die nicht beliebig vermehrbar sind. Direkte Folge war natürlich eine gigantische Blase (Höhepunkt ca. 2007), die dann natürlich platzte. Aber in Folge dieser Blasenbildung kam es in etlichen Drittweltländern zu einer KÜNSTLICH GESCHAFFENEN HUNGERKRISE. Dort waren Grundnahrungsmittel auf einmal unerschwinglich teuer. Manche sehen in Terminkontrakten auf Lebensmittel heute daher auch eine "Waffe", um etwa Hungerrevolten zu induzieren.
    Somit sind eigentlich sinnvolle Terminkontrakte auf Grundnahrungsmittel also vollständig pervertiert worden.

  • Also damit werden sich die Milchpreise weiter von der Realität entfernen.
    Derivat folgt auf Derivat nur Milch gibt es eben nicht.
    Viele Getreideproduzenten haben schon diverse Erfahrungen mit dem Terminbörsenhandel oft leider auch im negativen Sinne.

  • Milch ist ungesund und sollte verboten werden. Eine kurze Phase des billigen Steaks und Rindebraten sollte die Milch freie Zeit einläuten.

  • Tagträumer, es zeugt schon von einer immensen Naivität, wenn hier geglaubt wird, man könne die Überproduktion mit Hilfe der Börse "entsorgen" und am Ende auch noch höhere Preise erzielen. Wenn es einen Terminkontrakt auf Rohmilch geben würde (was am Ende nur wünschenswert ist), würde dieser sicherlich Preise wiederspiegeln, die in etwa auf dem Niveau der heutigen tatsächlichen Preise liegen würden. Eine Preiserhöhung bei Milch kann es nur geben, wenn einerseits die Produktion deutlich heruntergefahren wird und andererseits der Export sich erholt.

  • Es gibt bereits Terminmärkte für Landwirtschaftliche Produkte. Sicherlich kann man auch Milch handeln. Allerdings ist es an der Börse wie mit jedem Handel. Bei Angebotsüberschüssen sinken die Preise. Den wesentlichsten Vorteil einer Börsennotierung von Milch sehe ich in der Transparenz einer Börse.

    Ich vermute dass in Kürze andere Kommentatoren ihre ganzen, gelernten sozialistischen Parolen in die Kommentarspalte einstellen werden.

  • na so etwas.

    Wo die bösen Börsianer doch für alles verantwortlich sind, was den Bauern schadet. Egal, was es ist, IMMER sind die Spekulanten Schuld und nun wollen die armen Bauern, dass die bösen Spekulanten ihnen helfen sollen?

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