Neues Regelwerk
Börse kippt früheren Handelsstart

Die Debatte um längere Handelszeiten an Europas Börsen hat eine überraschende Wendung genommen. Die Betreiber der Handelsplattform Turquoise, die im August an den Start gehen soll, erklärten am Mittwoch, dass sie ihre Pläne für einen Handelsstart um 8.45 Uhr aufgegeben hätten. Daraufhin zog auch die Deutsche Börse ihr Vorhaben einer früheren Handelseröffnung zurück.

FRANKFURT. "Eine Vorverlegung des Handelsbeginns würde erheblichen Mehraufwand für Marktteilnehmer und Investoren bedeuten", teilte die Deutsche Börse gestern mit. Ursprünglich wollte sie die Handelseröffnung von neun Uhr auf 8:30 Uhr vorziehen. Der Börsenrat und die Geschäftsführung hätten sich daher dafür ausgesprochen, den Handelsbeginn unverändert zu lassen.

In Stein gemeißelt sind die Handelszeiten in Frankfurt allerdings nicht. Mit einer veränderten Börsenordnung, die der Börsenrat gestern verabschiedete, hat sich der deutsche Marktführer eine Hintertür offen gelassen. Das neue Regelwerk ermöglicht es der Frankfurter Geschäftsführung künftig, den Handelsbeginn "flexibel anzupassen, falls die Wettbewerbssituation in der Zukunft dies erfordern sollte", wie es in der Mitteilung weiter heißt.

Die Deutsche Börse hatte Ende Juni bekannt gegeben, dass sie eine Verlängerung der Öffnungszeiten plane, um sich gegen die zunehmende Konkurrenz in der Branche zur Wehr zu setzen. In ganz Europa entstehen zurzeit neue Plattformen, die den etablierten Handelsplätzen das Wasser abgraben wollen. Auslöser der Entwicklung war die seit November 2007 geltende EU-Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente (Mifid), die Börsen und außerbörsliche Plattformen aufsichtsrechtlich gleichstellt.

Hinter den prominentesten alternativen Handelsplätzen - der bereits im Frühjahr 2007 gestarteten Chi-X und Turquoise - stehen große Investmentbanken, die für einen Großteil des weltweiten Aktienhandels stehen. Sie stören sich an den hohen Gebühren der etablierten Börsen und haben deswegen eigene Plattformen aufgebaut, an denen sie günstiger handeln können. Damit erhöhen sie den Druck auf die Marktführer, ebenfalls die Gebühren zu senken, wollen diese nicht massiv Marktanteile verlieren.

Neben niedrigeren Gebühren wollte Turquoise den Wettbewerb auch durch einen um 15 Minuten vorgezogenen Handelsbeginn anheizen. Das Vorhaben und die Drohung der Deutschen Börse, ebenfalls früher zu starten, lösten in der Finanzwelt aber heftige Diskussionen aus. Vor allem die großen Investmentbanken in London lehnen längere Handelszeiten ab, weil sie erhebliche Mehrkosten fürchten. Ihr Widerstand war es schließlich auch, der Turquoise zum Rückzieher zwang: "Unsere Mitglieder haben klar zum Ausdruck gebracht, dass sie einen einheitlichen Start an allen Börsen wünschen", sagte Turquoise-Sprecher Adrian Flook.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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