Terminbörse Chicago
Das Gebrüll an der Börse hat ein Ende

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Parketthandel bot Menschen aus sozial schwächeren Verhältnissen eine Chance

Der Parketthandel sei „die letzte Bastion des puren Kapitalismus“, befand Schauspieler Dan Aykroyd in der Komödie „Die Glücksritter“. Das war 1983. Heute herrscht an den Börsen eine ganz andere Gangart: automatisierter Turbo-Handel, der Investmentbanken und Hedgefonds mit hochgerüsteten Computern um Sekundenbruchteile kämpfen lässt. Gegen die Macht der Maschinen wirkt das chaotische Gedränge im Pit fast schon wieder harmlos. Auf jeden Fall menschlich. Die Emotionen in den Gesichtern der Händler – Gier, Angst, Panik, Glück – zeigen die Lage an den Märkten auf andere Weise als Charts und Zahlen.

Der ehemalige Parketthändler Ryan Carlson blickt nostalgisch zurück: „Niemand in der Finanzindustrie hatte mehr Spaß – im Pit gab es keine Benimmregeln“, heißt es in einer Art Nachruf in der „Financial Times“. Wie bizarr es in der Subkultur mitunter zuging, offenbart Carlson auch und zwar an der Zeichensprache der Händler, mit den sie ihre Deals sichtbar machen. So sei beispielsweise der horizontale Zeigefinger als Symbol für den Hitlerbart der inoffizielle Code für Aufträge gewesen, die die deutschen Großbanken betreffen.

Der Parketthandel war eine Finanzwelt für sich – hier konnten auch Menschen aus sozial schwächeren Verhältnissen rasch Fuß fassen. Ein Portal der „Arbeiterklasse“ werde geschlossen, kommentierte die „New York Times“. „Es gibt viele Leute ohne Ausbildung hier, aber das macht nichts“, meint Händler Prosniewski. Viele seiner Kollegen haben ihre Jobs aber schon verloren. Zum Vergleich: 1997 stemmten in Chicago zeitweise etwa 10.000 Finanzprofis den Handel auf dem Parkett. Mittlerweile ist die Zahl auf weniger als 500 gesunken.

Für die meisten von diesen letzten Verbliebenen ist nun auch Schluss. Die wilde Horde mit den farbigen Jacken dankt ab. Der Parketthandel bleibt nur in wenigen Nischen erhalten – und als Fotomotiv. Für Reporter sind die Handelssäle mit ihren Protagonisten eine schöne Kulisse in der spröden Finanzwelt. An der Frankfurter Börse ist das längst ein gewohntes Bild: „Das Parkett ist vor allem für die Kameras, damit sich (Börsenexperte) Robert Halver und Co. artgerecht positionieren können“, sagt ein Branchenkenner.

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Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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