Wirtschaftsexperten warnen aber vor weiterem Vertrauensverlust
Russlands Märkte auf Erholungskurs

Experten hatten am Freitag mit einem weiteren Abschwung an den Börsen in Moskau gerechnet. Doch die Märkte haben sich von ihrem Schock über die weiteren juristischen und politischen Konsequenzen der Affäre um den Ölkonzern Yukos erholt und einen Teil ihrer Verluste seit der Verhaftung von Yukos-Chef Michail Chodorkowski wieder wettgemacht.

HB MOSKAU. Wirtschaftsexperten warnten jedoch vor dem Vertrauensverlust, den die Regierung unter Präsident Wladimir Putin mit ihrem Vorgehen gegen Chodorkowski verursacht habe. Der Fall könne ausländische Investoren besonders von den reichen Rohstoffmärkten Russlands abschrecken, sagten deutsche Wirtschaftsvertreter. Die Beschlagnahme von Chodorkowskis Yukos-Aktien und damit von 44 Prozent der Unternehmensanteile wurde als Schritt zu mehr staatlicher Kontrolle des Ölgeschäfts gewertet. Der 40-jährige Chodorkowski, einer der reichsten Männer Russlands mit engen Verbindungen zur liberalen Opposition des Landes, sitzt seit Samstag unter dem Verdacht der Steuerhinterziehung und Untreue in Haft.

Nach seinem Sturz um mehr als acht Prozent am Vortag legte der Moskauer Index MICEX am Freitag um fast fünf Prozent zu. Yukos-Aktien schossen zeitweise um mehr als zehn Prozent in die Höhe. Damit lagen sie allerdings noch immer deutlich unter ihrem Wert vor Chodorkowskis Verhaftung.

Händler sagten, der Markt reagiere positiv auf Putins neuen Stabschef Dmitri Medwedew, der von den Investoren als moderat und wirtschaftsfreundlich eingeschätzt wird. Nach dem Rücktritt dessen Vorgängers Alexander Woloschin, der mit den liberalen Wirtschaftsideen Chodorkowskis sympathisiert haben soll, hatten die Anleger am Vortag die Ernennung eines Marktwirtschaft- kritischen Nachfolgers befürchtet. Zur Beruhigung der Lage trugen auch Äußerungen Putins gegenüber ausländischen Investoren bei: Putin habe bekräftigt, dass er nach wie vor das Ziel einer Marktwirtschaft verfolge, sagten Gesprächsteilnehmer. Zudem habe er eine baldige Liberalisierung des Handels mit Gazprom -Aktien angekündigt, die von Ausländern derzeit nur im Ausland gekauft werden können. Die deutsche Ruhrgas hält an dem größten russischen Gasunternehmen 6,5 Prozent.

Unter Hinweis auf die durch den Yukos-Fall geschürten Ängste vor einem Ende der Privatisierungspolitik warnten Wirtschaftsexperten jedoch vor den langfristigen Folgen: „In einem Land, in dem Eigentumsrechte nicht respektiert werden, sind nur illegale Geschäfte möglich“, kritisierte die russische Wirtschaftszeitung „Wedemosti“. „Ich denke, mit der Beschlagnahmung der Aktien sollte insbesondere eines erreicht werden: Dass der lukrative Erdölmarkt nicht ohne Kontrolle in fremde Hände, hier insbesondere in amerikanische, rückt“, sagte der Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, Oliver Wieck.

Chodorkowski hat seinen Ölkonzern noch unter Putins Vorgänger Boris Jelzin in den 90er Jahren groß gemacht und gehört zu dem kleinen Kreis von Oligarchen, die sich erhebliche Teile des in Zeiten der Sowjetunion verstaatlichten Vermögens angeeignet haben. Erst vor kurzem verwies Putin auf die „exzessiven Ressourcen“ des Konzerns und sagte, „wie er dazu gekommen ist, steht zur Diskussion“. Chodorkowski habe aber alle Warnsignale des Kremls ignoriert und seine politischen Ambitionen immer offener zur Schau gestellt, sagen politische Beobachter. Nun sitzt der 40-Jährige in einer engen, vier auf fünf Meter großen Zelle und muss im Fernsehen die Schritte verfolgen, die von Seiten der Staatsanwaltschaft noch erwartet werden.

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