Zinssenkung

Brasilien kämpft gegen die Krise

Das rasante Wachstum ist vorbei. Ausländische Investoren ziehen ihr Kapital ab. Der Aktienmarkt knickt ein. Brasilien kann sich der Krise im Rest der Welt nicht entziehen. Jetzt reagiert die Zentralbank.
3 Kommentare
Brasilien bleibt trotz aktueller Turbulenzen ein langfristiges Anlageziel. Quelle: dapd

Brasilien bleibt trotz aktueller Turbulenzen ein langfristiges Anlageziel.

(Foto: dapd)

Sao PauloDie brasilianische Notenbank hat zur Stützung der Wirtschaft den Leitzins auf ein Rekordtief gesenkt. Wie die Notenbank am Mittwoch in Brasilia mitteilte, wird der Zinssatz um 50 Basispunkte auf 8,5 Prozent reduziert und damit zum siebten Mal in Folge.

Einschließlich der jüngsten Zinssenkung senkte die brasilianische Notenbank den Leitzins nun seit August 2011 um 400 Basispunkte. Präsidentin Dilma Rousseff hat niedrigere Zinsen zu einer der Prioritäten ihrer Amtszeit erklärt, um das Wirtschaftswachstum weiter bei Raten von vier Prozent und mehr zu halten. Der Aufschwung hatte die weltweit sechstgrößte Volkswirtschaft in den vergangenen Jahren zu einem der attraktivsten Schwellenländer für Investoren gemacht. Doch davon war zuletzt nicht mehr viel übrig.

Der brasilianische Leitindex Bovespa zählt dieses Jahr mit einem Verlust von 13 Prozent in Dollar zu den am schlechtesten abschneidenden Aktienmärkten weltweit nach den Börsen der europäischen Krisenländer. Im Jahresverlauf hat die Börse in Dollar rund ein Drittel an Wert verloren. Der Grund für das schlechte Abschneiden sind die schrumpfenden Wachstumsaussichten des Landes.

„Brasiliens Wachstumsaussichten haben sich in den letzten Wochen parallel zu den Konjunkturaussichten für China und die Weltwirtschaft eingetrübt", sagt Andrew Campbell, Aktienstratege für Lateinamerika bei Credit Suisse. Statt noch vier Prozent wie zum Jahresbeginn rechnen die meisten Brasilien-Analysten der Investmentbanken nur noch mit einem Wachstum von zweieinhalb bis drei Prozent.

Wo die Bric-Staaten schwächeln
Hoch ueber Rio de Janeiro
1 von 10

Brasilien: Die Industrie des Landes hat ihre Kraft verloren
Die sechstgrößte Volkswirtschaft leidet unter der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit vieler Firmen. Wachstumsraten von sieben Prozent – das war einmal.
Gleich zwei schlechte Nachrichten schockten die zuletzt erfolgsverwöhnte brasilianische Wirtschaft. Wie die nationale Statistikbehörde jetzt mitteilte, wuchs die sechstgrößte Volkswirtschaft im vergangenen Jahr nur noch magere 2,7 Prozent, nach 7,5 Prozent im Jahr 2010. Und im Januar ist die Industrie des Landes um 2,1 Prozent geschrumpft gegenüber Dezember – das schlechteste Ergebnis seit der Krise 2008.

Die Industrie ist inzwischen der Bremsklotz der brasilianischen Konjunktur. Denn mit dem katastrophalen Jahresstart stagniert sie nun schon seit mehr als zwei Jahren. Hält die Schwäche an – und die Chance für eine kurzfristige Erholung im verbleiben Rest des ersten Vierteljahrs ist eher gering –, dann könnte Brasiliens Industrie erstmals vier Quartale in Folge schrumpfen, befürchtet das Finanzinstitut Banco Itaú. Die Regierung versucht schon seit längerem, mit Steuerbefreiungen für einzelne Branchen (Konsumgüter) und erhöhte Importsteuern (etwa für Pkw) gegenzusteuern.

Biodiesel Produktion im nordosten Brasiliens
2 von 10

„Sollte das Wachstum jetzt geringer ausfallen, wird die Regierung alle Instrumente nutzen, um eine Konjunkturabkühlung zu verhindern“, erwartet José Carlos de Faria, Chefökonom der Deutschen Bank in São Paulo. Unterstützung erhält die Konjunktur dadurch, dass derzeit staatliche und private Infrastrukturprojekte für umgerechnet rund 180 Milliarden Euro bis 2014 umgesetzt werden. Und Brasilien verfügt über Spielraum für weitere Stimulierungen. Die Devisenreserven sind hoch, ausländisches Kapital strömt weiter ins Land, und auch die Notenbank kann die Zinsen noch senken. Doch Wachstumsraten von über sieben Prozent wie 2010 sind außer Sichtweite: Nach einer Umfrage der Zentralbank rechnen die führenden Investmentbanken damit, dass Brasilien 2013 rund vier Prozent wachsen wird. Alexander Busch

VIP-Taxis in Moskau
3 von 10

Russland: Abhängigkeit vom Öl hemmt die Entwicklung
Der größte Flächenstaat hat die Finanzkrise gut überstanden. Doch das schlechte Geschäftsklima und die Rechtsunsicherheit bremsen die Wirtschaft des Landes.

Das große Ziel rückt in die Ferne. Sieben Prozent sollte die russische Wirtschaft nach dem Willen Wladimir Putins in den kommenden Jahren wachsen. Doch der Traum des neuen russischen Präsidenten wird sich nicht erfüllen. In diesem Jahr wird sich die Konjunktur merklich abkühlen. Das reale Wachstum wird unter dem Niveau von 2011 liegen, in dem das Plus 4,3 Prozent betrug. Die offizielle Prognose des Wirtschaftsministeriums liegt bei 3,7 Prozent. Der Internationale Währungsfonds rechnet nur noch mit 3,3 Prozent. Verantwortlich dafür ist die schwache Weltkonjunktur; die Schuldenkrise in Europa spürt Russland hingegen wenig.

Gazprom
4 von 10

Zwar hat die russische Wirtschaft die Finanzkrise des Jahres 2008 gut überwunden. Die Erholung sei jedoch nur auf den hohen Ölpreis zurückzuführen, der Wirtschaft mangele es an dauerhafter Kraft, sagt Odd Per Brekk, Leiter des Moskauer IWF-Büros. Um konstant hohe Zuwächse zu erzielen, muss das Land die Wirtschaft modernisieren und diversifizieren. Gleichzeitig muss sich das Geschäftsklima verbessern. Vor allem die Schaffung eines unabhängigen Justizsystems und weniger Interventionen des Staates in die Wirtschaft sind notwendig. Eine weitere wichtige Aufgabe ist der Stopp des Kapitalabflusses. Fast 85 Milliarden Dollar schafften die Russen 2011 außer Landes. Der IWF warnt: Ändert Russland seine Wirtschaftsstrategie nicht, wird das Wachstum auf mittlere Sicht zwischen 3,5 bis vier Prozent liegen. Reformiert die Regierung das Land, könne das jährliche Plus sechs Prozent betragen. Nötig seien dafür Haushaltskürzungen, eine Kontrolle über die Inflation sowie ein besser entwickeltes Finanzsystem, heißt es. Experten hoffen außerdem auf einen weiteren Wachstumsschub mit dem WTO-Beitritt, der für diesen Sommer geplant ist. Damit käme Russland wieder näher an das von Putin ausgegebene Ziel heran. Oliver Bilger

PAC CONSTABLE
5 von 10

Indien: Die Wirtschaft braucht dringend neue Impulse
Mit 6,1 Prozent ist die Wirtschaft des Landes im Schlussquartal 2011 so langsam gewachsen wie seit mehr als zwei Jahren nicht. Die Regierung will gegensteuern.

Das Besorgniserregende an den jüngsten Konjunkturdaten ist, dass sich ausgerechnet drei für das Land überaus wichtige Sektoren als Wachstumsbremsen erwiesen: Das produzierende Gewerbe schaffte nur ein Plus von 0,4 Prozent, nach 7,8 Prozent im Vorjahr. In der für Indien immens wichtigen Landwirtschaft sank das Wachstum von elf auf magere 2,7 Prozent, und die Produktion der Minen schrumpfte gar um 3,1 Prozent.

Hinzu kommt die hohe Inflation von zuletzt acht bis zehn Prozent, die der Binnenwirtschaft schadet. Die Notenbank RBI hat mit einer Erhöhung des Leitzinses auf inzwischen 8,5 Prozent gegengesteuert, damit aber die wirtschaftliche Dynamik gebremst. Ökonomen erwarten deshalb, dass die RBI bei ihrer nächsten Sitzung am 15. März den Leitzins zum ersten Mal seit März 2010 wieder senken könnte.

Kokosnüsse gegen den Durst
6 von 10

Mit anderen Stimuli tut sich die Regierung schwer. Sowohl die weitere Liberalisierung der Wirtschaft als auch höhere Subventionen erscheinen politisch kaum durchsetzbar. So zog Premier Manmohan Singh den Plan, größere Investitionen ausländischer Einzelhändler zu erlauben, nach landesweiten Streiks binnen weniger Tage wieder zurück. Auch bei den Subventionen steht die Regierung unter Druck. Eine schwache Rupie, hohe Ölpreise und die ausufernde Agrarförderung dürften das Defizit im aktuellen Haushalt von geplanten 4,6 Prozent der Wirtschaftsleistung auf 5,5 Prozent treiben.

Um die Wirtschaft zu stimulieren, will die Regierung nun die großen Staatsbetriebe bewegen, Teile ihrer Cash-Reserven aufzulösen und im Land zu investieren. Rund 35 Millionen US-Dollar sollen so zusammenkommen. Auf mittlere Sicht dürften Regierung und Zentralbank zudem versuchen, die Rupie aufzuwerten, damit Unternehmen im Ausland billiger Energie und Maschinen einkaufen können. Stefan Mauer

Vorbereitungen für den chinesischen Nationalfeiertag
7 von 10

China: Mehr qualitatives Wachstum wäre besser
Das Turbo-Wachstum der vergangenen Jahre hat zu verheerenden Umweltschäden geführt. Weniger Wachstum ist deshalb das Gebot der Stunde.

Chinas Kommunistische Partei plant gern von langer Hand. Schon in den 1990er-Jahren hatte die Partei die Devise ausgegeben, im neuen Jahrtausend die Wachstumsraten zu senken, damit Qualität Vorrang vor Quantität habe. Das gelang zwar in den Jahren 2006 bis 2011 nicht, statt der erstrebten 7,5 Prozent gab es ein Plus von zehn Prozent. Doch derzeit scheint das Wachstum wie geplant zu sinken.

Der aktuelle Wachstums-Zielwert für die Zeit bis 2015 beträgt sieben Prozent, 2012 sollen es 7,5 Prozent sein. „Wir passen derzeit unsere Wirtschaftsstruktur an“, gab Regierungschef Wen Jiabao jüngst zu Protokoll. Tatsächlich zeigen aktuelle Daten, dass Chinas Exporte zurückgehen und gleichzeitig die Importe stark steigen.

Das liegt einerseits an der nun schon seit einem Jahr stagnierenden Industrie Brasiliens, die wegen des starken Reals kaum noch exportiert und zusätzlich unter Druck durch Importe kommt. Auch die Rohstoff-, Öl- und Stahlkonzerne, welche die Börse dominieren, stellen sich auf niedrige Preise auf dem Weltmarkt und vor allem dem Hauptabnehmer China ein.

Letztes Jahr konnten die hohen Preise und Exportmengen an Erz und Agrargütern das schwache Abschneiden der Industrie ausgleichen. Dieses Jahr funktioniert das nicht mehr. „Brasiliens Wachstum hängt zu stark von Rohstoffen ab", kritisiert Ruchir Sharma, Emerging-Markets-Direktor von Morgan Stanley, und empfiehlt Investoren, Brasilien-Aktien im Portfolio zu reduzieren.

Unternehmensgewinne enttäuschen
Seite 123Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Zinssenkung - Brasilien kämpft gegen die Krise

3 Kommentare zu "Zinssenkung: Brasilien kämpft gegen die Krise"

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Das Familieneinkommen liegt, heute, bei EUR 750/1000,-, bei der Mittelschicht entsprechend höher. Die wirtschaftliche Diskrepanz ist trotzdem richtig eingeschätzt. Die bras. Industrie ist seit langem durch Schutzzölle "geschützt", sodaß in vielen Bereichen die Qualität mangelhaft ist. Aber es gibt auch andere Branchen! Es ist ein "durchwachsenes" Land der Zukunft. Stimmt! Die Agroindustrie,allerdings, brummt und wird das Land nach vorne treiben! Solange, allerdings das Parlament und der Senat mehr einer kriminellen Vereinigung gleicht und der Kolonialismus ungebrochen ist, kann dies alles auch noch wieder nach hinten "rüber" kippen. Trotzdem ist Brasilien eine Alternative (muß) zur Investition, allerdings für große Gruppen, mehr, als für mittelere Investoren, die im Djungel der Rechts- und Planungsunsicherheit leicht die Orientierung/Mut verlieren!

  • AB war mal ein kenntnisreicherer, kritischerer Brasilienkomentator. Der bras. Binnenmarkt expandiert nach wie vor, trotz des höchsten Real(Markt-)zinses auf diesem Planeten. Daran ändert die Herabsetzung des Selic nichts. Die Banken verdienen unverhältnismäßig viel und der Staat erhebt unverhältnismäßig hohe Steuern! Dies ist die Krux Brasiliens. Ausser, daß die Korruptionsspirale in Staat, Land und Gemeinden ungebrochen ist. Der Real, allerdings, ist viel zu hoch bewertet, was den industriellen Export lahmt. Das klassische Problem der Commodity Exporteure. Dies klagt die Präsidentin Dilma zu Recht an und dies kommt, auch, von der Geldmarktschwemme und Spekulation des Westens! Das Wachstum 2010 wurde manipuliert, da Wahljahr! Dies wurde mit höherer Inflation bezahlt in 2011/2012, was jetzt durch eine restriktive Ausgabenpolitik korrigiert wurde, damit fällt natürlich das nominale Wachstum in den Keller. Brasilien und das ist viel besorgniserregender, fehlt unter den 20 "effektivsten" Ländern des IMD Ranking.
    Da braucht es noch lange hin, obwohl von der Größe Nummer sechs, auf der Welt. Die Inefizienz des Staates und der Rechtstruktur, die fehlende Infrastuktur und Ausbildung ist der Graben, den sich Brasilien selber gräbt! Trotzdem ist Brasilien der Zukunftswirtschaftsraum, als Land und "Kontinent", insbesondere unter dem Aspekt der Dekadenz der anglosächischen Dominanz.

  • Ich habe selber eine Firma in Brasilien. Der Autor schildert die Probleme des Landes zwischen den Zeilen, benennt sie aber nicht direkt. Die Bankzinsen in Brasilien sind HORREND !!! Demzufolge natürlich auch die Gewinne der Banken. Bei einem Zinssatz von 8,5% (wohl für Banken) zahlt man für Finanzierungen typischerweise 25%-30% ! D.h. man kann Geschäfte gar nicht finanzieren, die Gewinnspanne dafür gibt es gar nicht. Demzufolge wird auch nicht investiert. Brasilien lebt von seinen Rohstoffen. U.a. auch deshalb, weil die Industrie keine ausgebildeten Mitarbeiter bekommt. Das Bildungssystem ist ein WITZ ! Die Leute die die staatliche Schule verlassen können kaum lesen und schreiben, rechnen schon mal gar nicht. Die Leute die von den höheren Schulen kommen auch nicht mehr. Englisch kann in diesem Land niemand. Ich bezweifle auch dass die Brasilianer nur 20% ihres Verdienstes an Zinsen für Kredite ausgeben. Ich denke es ist weit mehr. Der Großteil der Brasiliander lebt vom Salario minimo, das sind ca. 250€. Eine Wohnung von 60 qm in einem Wohnturm kostet ca. 720€ ! Ein Auto kostet in Brasilien das dreifache was es in Deutschland kosten würde, wegen der "Importsteuer". Die hat glaube ich weniger den Zweck den Markt gegen ausländische Produkte abzuschotten, sondern vielmehr überhaupt Steuern reinzubekommen. Wer wissen will wie Griechenland funktioniert braucht sich nur mal in Brasilien umzusehen. Steuern zahlt hier niemand ! Man gibt bei der Steuer nur an was man will ! Wegen der Importsteuern auf alles was aus dem Ausland kommt (und es kommt fast alles aus dem Ausland, weil aus den geschilderten Gründen im Inland fast nichts hochwertiges produziert werden kann) ist Brasilien von den Lebenskosten eines der teuersten Länder der Erde. Bei gleichzeitigem dem niedrigsten Einkommen der Einwohner und, deswegen, der höchsten Kriminalität, nicht nur der Bevölkerung, sondern auch der Regierung. Brasilien ist das Land der Zukunft, und wird es immer sein! (Weil sie nie kommt)

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%