Ein Jahr Lehman
Presseschau: „Die Saat für eine neue Krise“

Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert zum Jahrestag des Lehman-Brother-Crashs die internationalen Bemühungen zur Regulierung des globalen Finanzsystems. Der Economist glaubt an eine neue Welle von Fusionen und Übernahmen. Cinco Días porträtiert Telefónica-Chef César Alierta. Der National Business Review sieht den A380 im Aufwind. Fundstück: Kummer und Freude mit dem Internet.

"Lehman Brothers bankrott gehen zu lassen, war ein Fehler", konstatiert Forbes ein Jahr nach dem Crash der US-Investmentbank. Denn die Folge sei eine drei Monate andauernde Panik gewesen, die zu einem Zusammebruch des Interbanken-Kreditmarktes und des kommerziellen Wertpapiermarktes geführt habe. "Innerhalb weniger Tage musste der Versicherer AIG von der US-Notenbank Fed gerettet werden, Merrill Lynch wurde an die Bank of America verkauft, Goldman Sachs und Morgan Stanley wurden zu Holdings konvertiert und die Regierung ging vor dem Kongress auf die Knie, um ihr 700 Milliarden Dollar schweres Troubled Assets Relief Programm durchzubekommen." Nun gehe es zwar darum, systemische Risiken zu minimieren, damit Regierungen nicht mehr als Retter einspringen müssten, doch Regulierungen zur Restriktion der Bankenaktivitäten existierten im Prinzip seit vielen Jahren, sie seien nur bislang nicht wirklich genutzt worden. So habe der US-Congress 1989 und 2002 Gesetze verabschiedet, die die Banken zu Aufsicht und frühzeitiger Intervention sowie zu besserer Buchführung anhalten sollten. Die Lehre aus dem Lehman-Crash sei deshalb, dass Gesetze und Vorschriften allein nicht ausreichten: "Wir sollten uns nicht auf Regulierung, Vollstreckung und Intervention verlassen. Die Institute, die überleben wollen, müssen lernen, sich selbst zu schützen. Wenn jeder diese Lektion lernt, wird das ganze System länger überleben."

Das "Vermächtnis aus dem Lehman Brother-Crash" liegt für die Financial Times darin sicher zustellen, dass Regierungen künftig nicht mehr Finanzinstitute retten müssen. "Dazu muss eine systemische Regulierung geschaffen werden, die ausschließt, dass zu viele Finanzinstitutionen die gleichen Sicherheitslücken aufweisen - und so für ihre Partner unnötige Risiken darstellen." In Europa und den USA herrsche Konsens darüber, doch leider habe man sich zu schnell der Frage zugewandt, welche Einrichtung die Rolle der "Super-Aufsichtsbehörde" übernehmen solle. "Das kann warten. Viel wichtiger ist zu entscheiden, welche Regulierungen konkret vorgenommen werden sollen." Eine politische Debatte, eine öffentliche Diskussion müsse darüber geführt werden, ob man eine Inflation der Anlagepreise verhindern oder lieber die Banken ausfallsicher machen wolle. "Vage Gespräche über systemische Regulierungen und höhere Eigenkapitalquoten bringen nichts. Die Politiker müssen Strategien präsentieren, die das Finanzsystem bald sicherer machen. Wer diese dann umsetzt, kann später geklärt werden."

"Er ist wieder da, der Hunger nach Renditen. Ein Jahr nach dem Untergang der US-Investmentbank Lehman Brothers sprudeln sie stärker denn je", erteilt das Wirtschaftsblatt aus Österreich der Hoffnung eine Absage, die Welt könnte eine Lehre aus dem Lehman-Crash gezogen haben. Die Indizes legten zu, Rohstoffe galoppierten und spekulative Carry Trades am Devisenmarkt seien wieder Usus - "fast so als wäre nichts geschehen." Zwar habe ein Teil der Krisenbewältigung darin gelegen, den Märkten neues Vertrauen einzuhauchen, und hier habe sich gezeigt, wie die kapitalistisch-orientierte Wertegemeinschaft an einem Strang ziehen kann. Doch statt sich um die Regulierung der Ratingagenturen und Hedge-Fonds, höhere Eigenkapitalvorschriften für Banken und eine Reform von Basel II zu kümmern, verheddere sich die Politik in öffentlichkeitswirksamem Trockenlegungsversuchen von Steueroasen und markigen Sprüchen zu Managerboni. Das trage aber nur unwesentlich zum Verhindern einer neuen und viel schlimmeren Krise bei: Aufgrund der überbordenden Liquiditäts-Stimulanzen scheine sich eine Entkoppelung von Finanz- und Realwirtschaft abzuspielen: "Hier könnte die Saat für die nächste Krise liegen." Entweder stehe die Weltwirtschaft tatsächlich vor einer massiven Erholung, oder die Weltbörsen erwarte eine deutliche Korrektur in den nächsten Wochen.

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