Internationale Presseschau vom 1.4.2009
„Die G20 müssen erwachsen werden“

An Vorabend zum G20-Gipfel in London formuliert die internationale Wirtschaftspresse Ziele – und dämpft große Erwartungshaltungen. Fortune singt ein Loblied auf die Cash Cow Microsoft. El Economista zweifelt an Daimlers neuem Geldgeber, dem Staatsfonds aus Abu Dhabi. Vedomosti und Korea Times kritisieren die Auto-Hilfen in ihren Ländern. Fundstück: Der virtuelle Bettelstab.

„Das Risiko, dass der morgen beginnende G20-Gipfel kaum mehr schafft, als antikapitalistischem Zorn und verbittertem Gezanke eine Plattform zu bieten, ist tatsächlich groß“, meint das Wall Street Journal am Vorabend zu dem Treffen. Was bislang aus dem für London konzipierten Kommunique an die Öffentlichkeit gedrungen sei, mache wenig Hoffnung auf konkrete Ergebnisse: „Fest steht offenbar nur, dass die Geldmittel des Internationalen Währungsfonds auf 500 Milliarden Dollar verdoppelt werden sollen.“ Dies sei sicher eine wichtiger Schritt im Kampf gegen die Krise, doch der Gipfel müsse sich viel höhere Ziele setzen: Zum Beispiel müsse sich die Weltgemeinschaft endlich darauf einigen, dass beides nötig sei – Regulierungen im Finanzmarkt und Stimulus. Auch sollte die Kakophonie der gegenseitigen Beschuldigungen beendet werden: „Die USA fordern von Europa und Asien, mehr zu tun, Deutschland wehrt sich gegen Erwartungshaltungen und China stellt den Dollar in Frage. Hier muss endlich eine offene Debatte geführt werden, wie öffentliche Gelder generell eingesetzt werden können.“ Vor allem aber müssten die führenden Staaten wieder glaubwürdig werden: „Sie sollten den G20-Gipfel nutzen, um mit konkreten und koordinierten Verpflichtungserklärungen zu zeigen, dass ihre globale Führerschaft endlich erwachsen wird.“

In seinem Marketbeat-Blog misstraut das Wall Street Journal demgegenüber den im Vorfeld des Gipfels allseits nach unten geschraubten Erwartungen – weil die Staatenlenker in vielen Punkten uneins und die USA zu sehr damit beschäftigt seien, die eigenen Probleme zu lösen, als dass sie eine Führungsrolle übernehmen könnten. So sei der frühere US-Finanzminister Robert Rubin dafür bekannt gewesen, die Erwartungen in eine Richtung zu lenken, um dann Schritte zu unternehmen, die Investoren auf dem falschen Fuß erwischen. Diese Strategie habe beispielsweise bei Währungsinterventionen große Effekte gehabt und ihm den Spitznamen „Trader Bob“ eingebracht. Während Rubin heute damit beschäftigt sei, seine schrumpfenden Citi-Aktien zu zählen, seien seine Anhänger, darunter Obamas oberster Wirtschaftsberater Larry Summers und Finanzminister Timothy Geithner, inzwischen an der Macht. „Bereiten Sie den Markt gerade auf einen schockierenden Moment der Einigkeit der Weltpolitiker vor?“, mutmaßt das Blatt. Auf den Finanzmärkten würde sich ein solcher Schritt jedenfalls positiv auswirken.

Les Echos aus Frankreich warnt vor einseitigen Schuldzuweisungen der G20-Teilnehmer angesichts der Finanzkrise. Zwar laute derzeit ein beliebter Slogan „Wir zahlen nicht für ihre Krisen“. Gleichwohl seien die Akteure auf den Finanzmärkten nicht die einzigen Schuldigen. Vielmehr sei der Einbruch die Frucht einer langen Kette der Verantwortlichkeiten, in der sich die „Gewissenlosigkeit der privaten Akteure“ mit der „unglaublichen Laxheit der öffentlichen Regulatoren“ vermische. Hinzu komme, dass die Wirtschaften nicht erst seit der Explosion der Finanzmärkte abstürzten: In den USA habe die Rezession im Dezember 2007 begonnen, in der Eurozone im Januar 2008.

Die Financial Times legt den Fokus auf Barack Obama, für den der G20-Gipfel der erste „wirkliche Moment globaler Diplomatie“ sei. Dabei stehe dem US-Präsidenten ein einsamer Kampf bevor. Zwar könne und werde er nicht für die globale Finanzschmelze verantwortlich gemacht werden. Doch die vier Ziele, die sich Obama für das Treffen in London gesetzt habe, seien nur schwer durchzusetzen. Seine Forderung nach koordinierten Stimuluspaketen würde von Ländern wie Deutschland oder Frankreich mit großer Skepsis bedacht. Der Ruf nach stäkerer Regulierung könne mehr Chancen haben, doch selbst hier seien Widerstände in Europa zu spüren. Auch der Umbau des IWF, wie ihn Obama sich vorstelle, werde nicht gelingen: „Die Verdreifachung der Finanzmittel auf 750 Milliarden Euro sind nicht durchsetzbar. Und China oder Indien mehr Stimmgewicht zu verleihen, ginge nur auf Kosten der Europäer.“ Der Kampf gegen den Protektionismus schließlich – Obamas vierter Wunsch an den G20-Gipfel – finde selbst in den USA keinen großen Anklang. Fazit: „Was immer Obama auf dem Gipfel erreichen will, er dürfte ihm nur mit Überredungskunst gelingen.“

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