Internationale Presseschau vom 10.10.2008
Nächste Station: Abstellgleis

Die internationale Wirtschaftspresse hinterfragt den gestoppten Börsengang der Deutschen Bahn. Die Weltwoche kritisiert das Krisenmanagement der deutschen Regierung. Vedomosti sieht in der Finanzkrise Chancen für Russland. The Nation warnt vor der "Alice-im-Wunderland"-Haltung der US-Republikaner. Fundstück: Neue Garantien braucht das Land.
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Aus Sicht der Süddeutschen Zeitung ist der gestoppte Bahn-Börsengang nicht ohne Tragik. Immerhin hätten die Kritiker des Börsengangs das Modell einer privatisierten Bahn erarbeitet, mit dem sich hätte arbeiten lassen. Nachdem sich alle Bemühungen bislang auf den magischen 27. Oktober fokussiert hätten, fahre die Bahn fortan im Stand-by-Betrieb - sie könne jederzeit mit zwei Wochen Vorwarnung an die Börse. Im Hintergrund wüchsen jedoch die Probleme, besonders weil die von Bahnchef Hartmut Mehdorn mühevoll aufgebaute globale Logistik wegen der angeschlagenen Weltwirtschaft bedroht sei. Zwar sei es richtig gewesen, angesichts der trudelnden Finanzwelt die Reißleine zu ziehen. "Der Schritt war aber auch übereilt. Wie viel für das Unternehmen auf die Waage gekommen wäre, bleibt nun im Ungewissen. Ebenso freilich, wer dafür geboten hätte. Das nämlich hatte die Bahn bis zuletzt für sich behalten. Wären am Ende Scheichs, die russische Staatsbahn und chinesische Staatsfonds die einzigen Interessenten gewesen, hätte das auch politisch das Privatisierungs-Aus bedeuten können."

Das Wall Street Journal geht davon aus, dass der verschobene Börsengang die Haushaltsplanung der deutschen Regierung im kommenden Jahr durcheinander bringe. Berlin habe darauf gesetzt, dass die Erlöse des Börsengangs dazu beitragen, den Haushalt 2009 zu finanzieren. Neben den Ausfällen durch den abgeblasenen Bahn-Börsengang blühten der Regierung geringere Steuereinnahmen, da Europas größte Wirtschaft ausgebremst werde. Hinzu kämen die finanziellen Verpflichtungen, die die deutsche Regierung zur Garantie der Spareinlagen und für die 50-Milliarden-Euro-Kreditlinie zur Rettung der Hypo Real Estate eingegangen sei.

Die Berliner taz glaubt nicht daran, dass es Bahn-Führung und Bundesregierung gelingen werde, den Börsengang nur kurz zu verschieben, um das heikle Thema aus dem Wahlkampf herauszuhalten. Die SPD werde sich irgendwann daran erinnern, dass sie dem Börsengang nur zugestimmt hatte, um den neuen Vorsitzenden Kurt Beck nicht zu beschädigen - dieses Ziel habe sich mittlerweile erübrigt. Außerdem habe sich die öffentliche Stimmung weiter gedreht, weil Banken und Investoren plötzlich als "verantwortungslose Versager" und der Staat als Garant von Sicherheit gelten würden. "Dass die Regierung mit der Bahn das letzte staatseigene Unternehmen mit einer wichtigen öffentlichen Aufgabe an Investoren verkaufen will, dürfte in Zukunft schwerer zu vermitteln sein als je zuvor."

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