Internationale Presseschau vom 10.11.2008
Euroland bald abgebrannt?

Die internationale Wirtschaftspresse fürchtet um den Fortbestand der Eurozone - sollte diese nicht umgehend handeln und in eine tiefe Rezession stürzen. Die französische Capital spekuliert über Steve Jobs mögliche Nachfolger bei Apple. Die Presse aus Wien warnt Russland vor einem weiteren Wettrüsten. Fundstück: Der erfolgreichste Bond Market aller Zeiten.

Eine vernichtende Kritik des "desaströsen Zustandes" der Eurozone schickt die Globe and Mail aus Kanada über den Atlantik. "Die Welt blickt zumeist auf die Wall Street und die US-Wirtschaft, doch in Europa ist die Lage noch viel schlimmer", ist sich das Blatt sicher. Grund dafür sei die ungleiche Wirtschaftsleistung. "Kaum einer glaubt, dass die Eurozone auseinander bricht, aber die Kluft zwischen den schwächeren Mitgliedern wie Italien oder Griechenland und den gesunden Ländern wie Deutschland ist größer geworden." Als der Euro gestartet sei, habe Brüssel davon geträumt, einer der Hauptmotoren für das Wachstum der Weltwirtschaft zu werden. Doch dieser Traum sei inzwischen geplatzt. Nicht nur, dass alle Mitglieder mehr oder weniger unter der Krise leiden. Der Euro selbst habe zum Aufblähen der Kreditblase beigetragen. "Es scheint, dass die Eurozone eine Struktur hat, die Anlagenblasen begünstigt", zitiert das Blatt einen Insider. Die "asymmetrische Union von Wirtschaft und Währung" sei schon das Problem bei der Gründung gewesen: Es fehle eine zentrale Institution, die die Finanzpolitik für die gesamte Zone einheitlich und verbindlich regele. Die Eurozone wieder aufzulösen, könne man sich aber nicht leisten, die Kosten wären zu hoch. "Im Gegenteil: Einige Länder wie Island und Dänemark glauben, dass sie Sicherheit gewinnen, wenn sie der Eurozone beitreten. Doch sie begeben sich ein System, dass sie einschränkt und aus dem sie nicht so schnell wieder raus können", warnt das Blatt.

Das US-Wirtschaftsportal RGE Monitor glaubt, dass alles unternommen werden müsse, um die Eurozone zu retten, denn dies sei unabdingbar im Kampf gegen die globale Finanzkrise. Mit den großzügigen Zusagen, ihre Anlagen zu garantieren, hätten die europäischen Regierungen ein großes Risiko auf sich genommen. "Was, wenn die Aktienwerte noch tiefer fallen? Dann wird noch mehr Kapital benötigt, und es ist fraglich, ob die betreffenden Staaten das aufbringen können." Zwar könne eine straffere Finanzpolitik und eine weitere Senkung der Zinssätze helfen, doch die Eurozone habe längst keine Gewalt mehr über ihre Währungspolitik: "Die Europäische Zentralbank wird alles daran setzen, die Inflation unter zwei Prozent zu halten - und zwangsläufig in Konflikte geraten: Denn die einen verlangen von ihr eine lockere, die anderen eine strengere Währungspolitik." Eine ernsthafte, tiefe Rezession würde die Eurozone deshalb nicht überleben. Die Länder, denen es besonders schlecht gehe, würden Nutzen und Vorteile des Euro in Frage stellen, am Ende würde jedes Land für sich kämpfen. "Die EZB sollte den Zinssatz von 3,75 auf zwei Prozent senken. Zudem müssen ein Europäischer Stabilitätsfond und Finanzmarktregeln zwischen der EU und der Schweiz geschaffen werden", rät das Portal.

Dass die Europäische Union in der Bewältigung der Finanzkrise eine Führungsrolle übernommen und auf einen Weltfinanzgipfel gedrängt hat, erscheint Le Temps aus der Schweiz lobenswert - genauso wie die Forderung an die EU-Mitglieder, ihre Wirtschaftssysteme auf Basis des Euro und des gemeinsamen Marktes weiter anzugleichen. "Doch das Vorpreschen der Eurozone hat auch seine dunkle Seite: Denn die USA und die asiatischen Länder scheinen Regulierungen nicht in dem Maße für notwendig zu halten. Und die finanziell soliden Mitgliedsländer wie Deutschland oder die Niederlande fürchten eine zu schnell installierte europäische Wirtschaftsregierung, die ihnen Gesetze und Regeln vorschreibt." Und wer könne schon garantieren, dass China oder Indien nicht eines Tages neue Regeln aufstellten? Oder das andere Nationen ihnen in einem neuen globalen Finanzsystem freiwillig mehr Spielraum einräumten?

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