Internationale Presseschau vom 11.11.2008
Chronik eines angekündigten Scheiterns

Die internationale Wirtschaftspresse sucht nach Gründen für das Scheitern der Deutsche Post-Tochter DHL in den USA. Der Toronto Star stellt Kanadas Regierung auf eine Stufe mit den Bankern der Wall Street. Le Monde applaudiert dem sichtlich gestärkten Jean-Claude Trichet. Expert wundert sich, dass eine britische Firma Russlands größtes Ölfeld besitzt. Fundstück: Nicolas Sarkozys Schweiß ist peinlich.

„Der Traum vom Weltkonzern ist ausgeträumt“, kommentiert die Welt den Rückzug der Deutschen Post aus dem US-Geschäft. Das Ansehen ihres Expressdienstes DHL, der den Rivalen UPS und Fedex das Fürchten lehren sollte, sei nun ruiniert: „Die beiden Platzhirsche halten zusammen 90 Prozent Marktanteil – gegen solche Goliaths anzutreten war nicht mutig, sondern fahrlässig“, wirft das Blatt dem ehemaligen Post-Chef Klaus Zumwinkel, aber auch dessen Nachfolger Frank Appel vor. Statt ein eigenes Transportnetz für den Postversand aufzubauen, hätte das Unternehmen Partnerschaften suchen sollen, die wären günstiger und besser gewesen. Nun stehe Appel vor einem Trümmerhaufen, und er müsse die Frage beantworten, was die Post sein wolle: „Ein deutscher Briefdienst mit Express-Versandgeschäft auch in anderen Teilen der Welt? Passt die Logistik mit dem Transport schwerer Güter über Land, Wasser und Luft überhaupt noch dort hinein?“ Appel müsse seinen weltweit fast 500.000 Mitarbeitern und seinen Aktionären jetzt erklären, was er an die Stelle der globalen Eroberungsstrategie Zumwinkels setzen wolle.

Der Tagesspiegel aus Berlin kritisiert, dass die Deutsche Post 15.000 Arbeitsplätze in den USA streiche, ohne ein überzeugendes Konzept vorweisen zu können. Denn einen definitiven Schlussstrich unter das Amerika-Geschäft ziehe der neue Vorstandschef Appel nicht, er setze nun auf eine Kooperation mit UPS: „Die Amerikaner sollen das inneramerikanische Luftfrachtaufkommen von DHL übernehmen. DHL kümmert sich nur noch um den internationalen Verkehr.“ Doch das Vorhaben sei mit vielen Fragezeichen verknüpft: Wie solle ein solches Abkommen mit UPS aussehen – einem Unternehmen, mit dem DHL im Rest der Welt in knallhartem Konkurrenzkampf stehe? Und was werden die amerikanischen Kunden dazu sagen? „Schon jetzt haben die bereits im Mai angekündigten Stellenstreichungen in den USA für eine schlechte Publicity gesorgt. Viele Kunden haben ihre Transporte daher lieber der Konkurrenz anvertraut. Hinzu kam die Unsicherheit, ob und wie es denn mit DHL weitergeht.“ Appel aber bleibe nur, bei der Lösung des US-Problems aufs Tempo drücken, denn es werde nicht leichter: „Sein Vorgänger hat das US-Geschäft nicht einmal in den Griff bekommen, als die Weltwirtschaft noch brummte.“

Als weiteren Rückschlag für deutsche Blue-Chip-Firmen auf dem Weltmarkt wertet BusinessWeek aus den USA den Rückzug der Deutschen Post. „DHL hat einen Verlust von nahezu 10 Milliarden Dollar gemacht in den fünf Jahren, seit die Deutsche Post-Tochter Airborne Express übernahm und zum Kampf gegen Fedex und UPS antrat.“ Doch das Scheitern DHLs sei auch ein Beispiel dafür, wie die Schmelze an der Wall Street und der globale wirtschaftliche Abschwung schwächeren Wettbewerbern zum Verhängnis werden kann. „Krisen bevorteilen Marktführer“, habe Post-Chef Frank Appel denn auch erklärt. Doch gebe es auch massive Kritik an der Art, wie DHL in den USA gemanagt worden sei. Nach einem Bericht des Magazins im Juni hätten sich viele DHL-Mitarbeiter und Kunden gemeldet und nachlässigen Service sowie kopflastiges, inkompetentes Management beklagt.

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