Internationale Presseschau vom 11.12.2008
Angela, die besorgte Ameise

Anlässlich des heutigen EU-Gipfels sucht die internationale Wirtschaftspresse nach Motiven für die Zaghaftigkeit der Kanzlerin im Kampf gegen die Finanzkrise. Die Zeit spekuliert über einen Wechsel von Josef Ackermann zur UBS. Laut Wall Street Journal wird das Hilfspaket für die US-Autobauer noch scheitern. Fundstück: Palästinenserschal zum Zweireiher.

Neben Europas Klimapolitik steht heute das gemeinsame Konjunkturpaket im Mittelpunkt des Brüsseler EU-Gipfels. Aus diesem Anlass hinterfragt Les Echos aus Frankreich die Zaghaftigkeit von Angela Merkel im gemeinsamen Kampf der EU-Länder gegen die Finanzkrise. Dass sich Merkel bis Januar Zeit lassen wolle, um weitere Waffen auszuwählen, sei keineswegs verblüffend, sondern dem gesunden Menschenverstand geschuldet: Denn Deutschland sei längst kein betuchtes Land mehr; das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liege kaum oberhalb des Durchschnitts in der Eurozone; längst könne Deutschland nicht mehr verfahrene europäische Verhandlungen mit dem Scheckbuch lösen; der "Schock der Wiedervereinigung" sowie die Verschärfung des weltweiten Wettbewerbs hätten Millionen Deutsche verarmen lassen; die Verschuldung des Staates liege bei 65 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Vor diesem Hintergrund habe ein ausgeglichener Haushalt in Deutschland oberste Priorität. "Was man der Kanzlerin vorwerfen kann", schließt das Wirtschaftsmagazin, "ist nicht ihre Scheinheiligkeit oder ihren Geiz, vielleicht aber ihr Temperament der besorgten Ameise."

Auch Le Monde sucht (auf Seite eins) nach den Motiven für die zögerliche Haltung von Angela Merkel. Sie verstehe sich eher als Wissenschaftlerin, die behutsam voranschreite und gefährliche Experimente ablehne, und misstraue Ökonomen, die, wie es ihr Finanzminister Peer Steinbrück "brutal" ausgedrückt habe, ihre Meinungen häufiger wechselten als ihre Hemden. "Diese charakterlichen Unterschiede erklären die Schwierigkeiten von Merkel und Sarkozy, spontan eine gemeinsame Basis der Verständigung zu finden", so das Pariser Blatt. Die Deutschen sähen hinter der Koordination der wirtschaftspolitischen Maßnahmen in der Eurogruppe das "Schreckgespenst" einer europäischen Wirtschaftsregierung. Die Harmonisierung der Pläne im Kampf gegen die Krise seien für die Deutschen ein Synonym für eine Erhöhung ihrer Ausgaben innerhalb der EU, von denen Deutschland bereits 20 bis 25 Prozent bestreite. Dennoch sei die Position von Merkel nicht so verfestigt, wie es scheine. Es sei nicht klar, ob die Kanzlerin langfristig dem Druck der europäischen Partner, ihrer politischen Freunde sowie der Koalitionspartner widerstehen könne, vor allem, falls sich die wirtschaftliche Situation in Deutschland verschärften sollte.

"Das deutsche Problem" überschreibt der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman seinen Artikel im Blog der New York Times . Derzeit stünden hauptsächlich zwei Themen auf der weltweiten wirtschaftspolitischen Agenda: das Schicksal der Autoindustrie sowie jenes "deutsche Problem". "Zu einer Zeit, da eine expansionistische Politik dringend nötig ist, haben die Führer von Europas größter Wirtschaft die Köpfe in den Sand gesteckt", kommentiert der NYT-Autor. In der Finanzpolitik der EU-Staaten gebe es einen großen Überlauf, weshalb beispielsweise Frankreichs Finanzpolitik letztlich Arbeitsplätze in Deutschland oder Italien entstehen lassen könne. "Aus diesem Grund ist eine koordinierte Politik dringend gefragt. Aber die Deutschen machen nicht mit", klagt Krugman.

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