Internationale Presseschau vom 11.5.2009
„Banken haben die Stresstests verwässert“

Die internationale Wirtschaftspresse zeigt sich nach der WSJ-Meldung, dass die US-Regierung die Ergebnisse der Stresstests mit den Banken ausgehandelt hat, empört. BusinessWeek vernimmt positive Signale aus der russischen Industrie. Der Economist analysiert Deutschlands fatale Ausrichtung auf Export. Fundstück: Ruth Madoff wird 15 Chanel-Taschen nicht los.

Ernste Zweifel an der Aussagekraft der Stresstest-Ergebnisse meldet das Wall Street Journal an. „Nach zwei Wochen intensiven Verhandelns rechnete die US-Notenbank (Fed) offenbar den Kapitalbedarf deutlich zurück. Außerdem legte sie bei der Beurteilung andere Maßstäbe zugrunde als Analysten oder Investoren erwartet hatten“, schreibt das Blatt. Als die Fed die Banken vor einem Monat mit ihren Testergebnissen konfrontiert habe, hätten viele wütend auf die „übertrieben hoch eingeschätzten Kapitallücken“ reagiert. So habe die Fed der Bank of America ursprünglich 50 Milliarden Dollar Kapitalbedarf attestiert, nun seien es noch 33,9 Milliarden Dollar. Auch bei der Citigroup habe die Fed erheblich nachgegeben, statt 35 stünden nur 5,5 Milliarden Dollar auf dem Papier. Und Wells Fargo habe sich über 13,7 statt 17,3 Milliarden Dollar freuen dürfen. Insider gingen davon aus, dass die Regierung die positive Entwicklung mancher Unternehmen im ersten Quartal oder die positive Wirkung anstehender Geschäfte berücksichtigte. „Dieses Vor und Zurück ist symptomatisch für die Art, wie die Behörden Bankenprüfungen angehen: Sie präsentieren die Ergebnisse immer zuerst den Banken selbst und geben ihnen Zeit, zu reagieren. Logisch, dass dieser Prozess zur Änderung der ursprünglichen Ergebnisse führt.“

„Die Banken haben die Stresstests verwässert“, schimpft Barry Ritholtz, CEO der amerikanischen Rating-Plattform Fusion IQ, in seinem Blog. „Die Tests waren nicht sehr stressig und basierten auf Maßstäben, die generös gefasst waren. Verrückt, ausgerechnet mit den Finanzinstituten großzügig umzugehen, die auf rücksichtslose Weise das ganze Chaos auf den Finanzmärkten angerichtet haben.“ Da stelle sich die Frage, ob es sich hier nicht um Betrug oder Manipulation handele: „So ging der Stresstest z. B. vom so genannten Kernkapital aus. Es ist zu vermuten, dass das auch auf Anregung der Banken geschah – statt das um immaterielle Vermögenswerte reduzierte Stammkapital zugrunde zu legen. Hätte man dieses als Maßstab angesetzt, wären wohl weitere 68 Milliarden Dollar an Kapitalbedarf hinzugekommen.“ Die Stresstests würden sich als einzig großer Witz offenbaren, „und dem Steuerzahler bleibt nur noch ein bitteres Lächeln.“

Anzeichen für den laschen Umgang der Regierung mit den Stresstests hat es nach Meinung der Huffington Post bereits bei der Präsentation der Ergebnisse gegeben: „Fed-Chef Ben Bernanke erklärte, dass rund 150 Prüfer die Banken unter die Lupe genommen hätten. Das macht bei 19 Finanzinstituten rund sieben pro Bank. Wenn eine Handelsbank eine weit weniger bedeutsame Routineprüfung ansetzt, sind Dutzende von Prüfern anwesend.“ Die Stresstests seien nur eine Modellübung gewesen für die Anwendung der aus den Banken kommenden Einschätzungen und Prognosen. „Warum hat die Fed sich dazu hinreißen lassen? Sie hofft offenbar, die Banken für ein paar weitere Monate über Wasser zu halten und das Privatkapital wieder an den Tisch locken zu können, oder dass die Erholung in anderen Bereichen der Wirtschaft die Banken mit sich zieht.“ Doch die Wahrscheinlichkeit, dass die geschwächten Banken weiter die Wirtschaft mit sich hinunterziehen, sei viel größer. Dies legten aktuelle Indikatoren aus Wirtschaft und Arbeitsmarkt nahe. „Wir müssen damit rechnen, dass sich US-Präsident Barack Obama im Herbst erneut vom Congress Geld erbitten muss.“ Ursache für diese „perverse Allianz der Regierung mit der Wall Street“ sei wohl eins: Das Wall-Street-orientierte Wirtschaftsteam, das Obama angeheuert habe.

Die Financial Times beleuchtet einen anderen Randaspekt der Stresstests: Die Gefahr neuer Bankenfusionen. „Banken wie JP Morgan, die den Test mit Bravour bestanden haben, werden sich die Chance, Konkurrenten zum guten Preis zu übernehmen, nicht entgehen lassen. Doch ist jetzt wirklich die Zeit, derartige Risiken einzugehen?“ Der Erfolg von Bankenfusionen der jüngsten Zeit wecke nicht gerade Vertrauen: Die Bank of Amerika sei durch die Übernahme von Merrill Lynch destabilisiert worden, in Großbritannien seien die Anteilseigener noch heute über den Untergang der Lloyds-Bilanzen wütend, als diese mit HBOS zusammenging. „Weitere Fusionen werden weitere Großbanken zur Folge haben, die schwierig zu managen sind und Risiko konzentrieren.“ Und wie solle in der aktuellen Lage eine noch kleinere Anzahl von Finanzinstituten mit den steigenden Hypotheken- und Kreditkartenlasten fertig werden? „Am Ende springt dann wieder die Regierung ein, wenn eine Bank zu groß ist, um zu scheitern, und das setzt den Teufelskreis aus Boom und Pleite erneut in Gang.“

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