Internationale Presseschau vom 13.10.2009
Wirtschaftsnobelpreis: Ausweitung der Forschungszone

Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert die Vergabe des Wirtschaftsnobelpreises an Elinor Ostrom und Oliver Williamson und begrüßt die Rückkehr der institutionellen Ökonomie. Die Börsen-Zeitung warnt vor neuen Eskalationsstufen in der Sarrazin-Debatte. Expansión lehnt Staatshilfen für die spanische Autobranche ab. Fundstück: Sarrazin öffnet Augen.
  • 0

Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert die Vergabe des Wirtschaftsnobelpreises an Elinor Ostrom und Oliver Williamson. Aus Sicht der Financial Times haben beide Ökonomen den Preis verdient. Dass diese beiden US-Wirtschaftswissenschaftler ausgezeichnet würden, sei vor dem Hintergrund der Finanzkrise eine Würdigung der "großen Erkenntnisse", zu denen eine gute ökonomische Wissenschaft beitragen könne. Beide Preisträger untersuchten die ökonomische Kontrolle: durch Firmen und Institutionen im Falle von Williamson und durch Allmendenutzer, also die Gemeinschaft, bei Ostrom. "Dieser Preis anerkennt, dass Ökonomen ebenso viel zu den Grenzen wie zu der Macht von Märkten sagen können. Er ist außerdem eine rechtzeitige Bestätigung für methodischen Pluralismus", schreibt das britische Blatt.

Aus Sicht der BusinessWeek ist zumindest Ostrom eine überraschende Preisträgerin - kaum ein Ökonom habe sie auf dem Favoritenzettel gehabt, anders als Williamson. Die politischen Implikationen des diesjährigen Nobelpreises seien eindeutig: Während der Nachwehen der Finanzkrisen "ekeln" sich viele vor den Märkten; gleichwohl sei es genausowenig "genießbar", der Regierung die Verantwortung über die Wirtschaft zuzuschieben, weil keiner davon ausgehe, dass Politiker und Bürokraten einen besseren Job machen könnten. Vor diesem Hintergrund komme der Ostrom/Williamson-Preis zur exakt richtigen Zeit, weil er zeige, dass es glaubwürdige Alternativen zu den duellierenden Polen von Regierung und Markt gebe.

In seinem Blog für die New York Times gratuliert der letztjährige Träger des Wirtschaftsnobelpreises, Paul Krugman, dem Ökonomen-Duo. Mit dem Preis werde diesmal die institutionelle Ökonomie ausgezeichnet, die besonders während der Großen Depression von den Keynesianern und den mathematischen Wirtschaftswissenschaftlern - besonders Paul A. Samuelson - in den Hintergrund gerückt worden sei. In den vergangenen Jahrzehnten habe sich für die institutionelle Ökonomie jedoch ein leises Comeback abgezeichnet. "Falls das Ziel darin besteht, die Schaffung von ökonomischen Institutionen zu verstehen, dann ist es entscheidend, sich bewusst zu machen, dass es eine große Vielfalt bei den Institutionen gibt, eine große Bandbreite an Strategien, die funktionieren, statt einer allzu einfachen binären Unterscheidung zwischen Individuen und Firmen", schreibt Krugman.

Thomas C. Schelling, Gewinner des Wirtschaftsnobelpreises 2005, lobt für Forbes besonders die Auszeichnung von Ostrom. Sie sei nicht nur die erste Frau, die den Preis erhalte. Ebenso sei sie die erste politische Aktivistin, die ausgezeichnet worden sei - was zeige, dass man heute keinen Doktortitel mehr benötige, um mit der eigenen Arbeit die "ökonomische Wissenschaft" voranzutreiben. "Es scheint, als ob die Nobelpreis-Jury - deren Mitgliedschaft von Zeit zu Zeit wechselt, weshalb sich auch die Selektionskriterien ändern - das Feld der ökonomischen Wissenschaften auf die Sozialwissenschaften ausdehnt", analysiert Schelling. Dieser Schritt sei zu begrüßen, und zwar nicht nur, weil viele Ökonomen von heute es nicht mehr mit dem ersten Dutzend Nobelpreisträgern in der 40-jährigen Geschichte des Preises - in der sich oft drei Ökonomen den Preis teilen mussten - aufnehmen könnten. Das Überlappen von Disziplinen sei grundsätzlich zu begrüßen.

Seite 1:

Wirtschaftsnobelpreis: Ausweitung der Forschungszone

Seite 2:

Seite 3:

Kommentare zu " Internationale Presseschau vom 13.10.2009: Wirtschaftsnobelpreis: Ausweitung der Forschungszone"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%