Internationale Presseschau vom 14.8.2008
Schämt Euch, Ausbeuter

Die internationale Wirtschaftspresse hinterfragt den Nationalismus, neuen Klassenkampf und das skrupellose Auftreten westlicher Unternehmer in China. Deutsche Zeitungen begrüßen die Annäherung von Conti und Schaeffler. The Atantic dokumentiert mit E-Mails und Memos den giftigen Wahlkampf von Hillary Clinton. Fundstück: dicke Hose und Pirelli-Hüften.
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"Schämt Euch!", ruft die Welt westlichen Unternehmern zu, die sich über schärfere Umweltauflagen und mehr soziale Grundrechte in chinesischen Fabriken aufregen. So habe beispielsweise die Chefin eines kleinen Puppenherstellers aus Arizona geklagt, dass ihre Manufaktur teure Filter in die Schornsteine bauen musste; ein Produzent von Plastikbindern, der nun Überstunden bezahlen und Versicherungsbeiträge leisten müsse, habe einige Mitarbeiter durch eine Maschine ersetzt, was die Kapitalinvestitionen unverantwortlich hoch mache. "Solche Beschwerden sind an Schamlosigkeit nicht zu übertreffen", kritisiert das Blatt. "Offensichtlich haben beide bisher bewusst darauf gesetzt, dass chinesische Arbeiter ausgenutzt werden und Umweltschutz nicht stattfindet. Solche Missstände zu nutzen, ist eine Sache. Auf deren Beibehaltung zu pochen, eine ganz andere."

Das US-Magazin Newsweek beobachtet den Aufstieg der "Schildkröten" in China - Töchter und Söhne reicher Chinesen, die im Ausland ausgebildet wurden und zurück ins Land kommen. Anders als im Westen angenommen, importierten die Heimkehrer keineswegs zwangsläufig auch westliche Werte. Viele entwickelten stattdessen einen anti-westlichen Nationalismus, der mitunter stärker ausgeprägt sei als bei den Landsleuten. Auf der Suche nach Gründen für die anti-westliche Haltung der "Schildkröten" erklärt das Magazin, dass viele im Ausland ihre Geduld angesichts der westlichen Ignoranz verloren hätten. "Wenn wir ins Ausland gehen, treffen wir auf Leute, die seltsame Fragen stellen, zum Beispiel, ob es moderne Häuser oder Autos in China gibt", zitiert das Blatt einen Chinesen, der ein Jahrzehnt in Nordamerika gelebt hat. Andere entwickelten schon im Ausland eine anti-westliche Haltung, um das Heimweh zu überspielen, vermutet das Magazin. Schließlich sei durch die Ein-Kind-Politik eine Generation "kleiner Kaiser" entstanden, die meinten, zu allen Themen ihre Meinung äußern zu müssen, und sich gegen jede Form der Ideologie - auch die westliche - wehrten.

The Nation analysiert den "Klassenkampf im neuen China". Im ganzen Land nähmen die Spannungen zwischen der Land- und Stadtbevölkerung zu. Im Zuge des Übergangs vom maoistischen Sozialismus zu einem quasi-maoistischen Kapitalismus wehrten sich immer mehr Bauern dagegen, dass korrupte kommunale Regierungsbeamte ihr Land staatlich kontrollierten oder privatwirtschaftlichen Unternehmen zuschanzten. Hinzu komme, dass in den vergangenen 30 Jahren rund 200 Millionen Arbeiter vom Land in die Städte gezogen seien. Die Proteste der Landbevölkerung hätten durchaus gute Perspektiven: Sollten die regionalen Regierungen fair reagieren, könnte die Wut schließlich in Reformen und so in eine gerechtere Verteilung von Land münden; vor zwei Jahren habe die Regierung Steuererleichterungen für Bauern eingeführt und den Rechtsschutz verstärkt.

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