Internationale Presseschau vom 15.10.2009
„Die Wall Street ist seelenlos“

Die internationale Wirtschaftspresse ärgert sich über die Rückkehr der Megaboni bei JP Morgan und Goldman Sachs. Expansión ist enttäuscht von der investitionsfeindlichen Politik der spanischen Regierung bei erneuerbaren Energien. Veckans Affärer sieht Ericsson unter Zugzwang. Fundstück: Bernie heißbegehrt.
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Les Echos aus Frankreich zeigt sich schockiert von der Nachricht, dass die großen US-Finanzhäuser in diesem Jahr rund 140 Milliarden Dollar an Boni ausschütten werden. Wenige Monate, nachdem die Banken einzig durch Hunderte von Milliarden an Steuergeldern gerettet worden seien, zeigten die "seelenlosen" Wall-Street-Finanzleute wieder ihre guten alten Gewohnheiten. Tatsächlich hätten sie diese sogar verbessert, denn diesmal teilten sich weniger Banker einen Kuchen, der noch nie so groß gewesen sei. "Sie drehen all jenen eine Nase, die für eine Moralisierung der Finanzbranche kämpfen. Wie sollte man glauben, dass das Kasino-Banking tot sei, wenn die Händler ein Jahr nach der Pleite von Lehman Brothers wieder zur obersten Gesellschaftschicht gehören?"

Das Wirtschaftsblatt aus Österreich glaubt, dass sich das Boni-Problem bald von allein erledigen werde. Zwar habe JP Morgan gestern einen stattlichen Gewinn von 3,59 Milliarden US-Dollar vermeldet - 1,35 Milliarden mehr als von den ohnehin optimistischen Analysten erwartet. Doch die Investmentbanking-Abteilungen könnten nicht mehr lange mit den "geborgten Staatsmilliarden" spekulieren, denn der konjunkturelle Hintergrund sei "schlichtweg schauderhaft": "Das JP Morgan-Ergebnis offenbart nämlich auch den tatsächlichen Zustand der US-Wirtschaft. Hohe Verluste im Kreditkartengeschäft sowie bei Privatkundenkrediten sind mittlerweile an der Tagesordnung, sie werden nur vom erzockten Gewinn überdeckt. Spätestens, wenn die Notenbanken inflationsbedingt beginnen, die Liquiditätsschleusen wieder zu schließen, werden die Dollarzeichen in den Augen der Investmentbanker genauso schnell wieder verschwinden, wie sie aufgetaucht sind - und zwar tränenreich", prognostiziert das Blatt.

Die britische Financial Times blickt auf die heute vorgestellten Quartalszahlen von Goldman Sachs - und rechnet ebenfalls mit einer öffentlichen Empörung wegen Milliarden-Boni. Der freundliche Chef der Großbank, Lloyd Blankfein, habe gut durchdachte Reden über Reformen gehalten, dabei jedoch nichts dazu gesagt, dass Goldman selbst etwas ändern werde. Die US-Regierung wolle ein System schaffen, in dem selbst "tier one financial holding companies", also für das gesamte System zentrale Unternehmen, scheitern können. Im Fall von Goldman habe die Regierung jedoch ein Glaubwürdigkeitsproblem - nur wenige Leute glaubten, dass sie das mächtigste Finanzinstitut demontieren würden. Da sich Goldman mit Regierungen weltweit vernetzt habe, indem man die eigenen Leute in den öffentlichen Dienst geschickt habe, sei es unwahrscheinlich, dass man ein Scheitern von Goldman erlauben würde. Fazit: "Goldman möchte wie früher (nur größer) weitermachen, in einer Welt, die sich verändert hat."

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