Internationale Presseschau vom 15.9.2008
Aus für die staatliche Brandbekämpfung

Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert die Absage der US-Regierung an eine Rettung der Bank Lehman Brothers. Der Observer warnt vor den Folgen eines Paktes zwischen Russland und der OPEC. Die Süddeutsche verurteilt Ferdinand Piëchs Strategie, den VW-Konzern in Geiselhaft für seine Interessen zu nehmen. Fundstück: Wie Amazon Viagra auf die Sprünge verhalf.
  • 0

"Nachdem die US-Regierung das Finanzsystem mehr als ein Jahr lang gestützt hat, zieht sie nun die Reißleine - aus gutem Grund", kommentiert das Fortune Magazine die Wahrscheinlichkeit der Zerschlagung von Lehman Brothers. "Immer wieder ist die Notfalltruppe von Top-Notenbankern ausgerückt, um die Märkte vor einem Großbrand zu bewahren und Gefahr von der Wirtschaft abzuwenden. Milliarden an Steuergeldern wurden geopfert, um drei Institute zu retten, doch nun scheint die Regierung ihre Taktik vollkommen geändert zu haben: Ihre Botschaft an die Wall Street lautet: Ihr müsst lernen euch selbst zu retten." Offenbar habe man aus der Kritik zur Rettung von Bear Stearns gelernt, mit derartigen Aktionen die Banken zu noch riskanterem Verhalten zu verführen (moral hazard). Auch die Rettung von Fannie Mae und Freddie Mac habe nicht gehalten, was sich Finanzminister Henry Paulson versprochen habe: eine Stabilisierung der Märkte. "Im Gegenteil: Die Wall Street hat nicht mit Erleichterung reagiert, sondern mit einem weiteren, teuflischen Run auf andere Finanzfirmen, die sich derzeit in einer schwierigen Lage befinden. Dabei hat es nun Lehman am schwersten getroffen."

"Irgendwann muss ja einmal Schluss ein", stellt auch die Presse auch Wien lakonisch fest. Seit Jahrzehnten könne man in der internationalen Bankenszene folgendes Schauspiel bestaunen: Scheffelten die Kreditinstitute Milliarden, werde das ausschließlich dem Genius einzigartiger Banker zugeschrieben, bemerke die Branche dagegen, sich ordentlich verzockt zu haben, seien natürlich nicht die handelnden Manager die "Deppen", sondern "die verrücktspielenden Märkte". "Um angeschlagene Banken vor der Pleite zu retten, rufen die einstigen Helden der Marktwirtschaft dann aufgeregt den Staat zu Hilfe." Um die Weltwirtschaft vor der Rezession zu retten, ließe dieser sich nicht lange bitten und schieße den wackeligen Banken jede Menge Steuergelder zu. "Gerade deshalb wäre es so erfreulich, würde die US-Politik der angeschlagenen Investmentbank Lehman Brothers tatsächlich jegliche Staatshilfe verweigern. Das erhöhte nämlich die Chancen, dass die Bank zerschlagen und an private Investoren verkauft wird, deutlich." Dies wäre ein "klares Signal an die Bankenwelt, dass verheerende Fehler auch ernste Konsequenzen haben."

Die Business Times aus Singapur sieht den freien Markt in einer ernsthaften Krise, weil dessen Prinzipien als Grundpfeiler des amerikanischen Wirtschaftsmodells nicht mehr funktionierten. Die US-Regierung befinde sich bereits "hüfttief im Direktmanagement der Wirtschaft, um vier der größten Finanzinstitutionen des Landes zu retten - Bear Stearns, Fannie Mae, Freddie Mac und jetzt womöglich Lehman Brothers." Ironischerweise erfolge die staatliche Einmischung ausgerechnet in der Amtszeit eines Präsidenten, der Privatisierung und das Vertrauen in die Marktwirtschaft zum zentralen Anliegen seiner Wirtschaftspolitik gemacht habe. Es sei auch noch nicht lange her, dass es in den obersten Etagen der Wall Street Proteste gegen staatliche Einmischung gegeben habe und die Bemühungen der US-Notenbank (Fed) als Preisgabe der Prinzipien des freien Marktes betrachtet wurden. Jetzt seien die Mitarbeiter der Fed und des Wirtschaftsministeriums dabei, Lehman Brothers aufzuteilen und an Investoren und Konkurrenten zu verkaufen. In Washington seien solche Maßnahmen "revolutionär", so das Blatt. Es würden jedoch noch viele Jahre vergehen und noch mehr Rettungsmaßnahmen nötig sein, um die Krise der Marktwirtschaft einigermaßen in den Griff zu bekommen.

Seite 1:

Aus für die staatliche Brandbekämpfung

Seite 2:

Seite 3:

Kommentare zu " Internationale Presseschau vom 15.9.2008: Aus für die staatliche Brandbekämpfung"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%