Internationale Presseschau vom 16.9.2008
Der Sturz der Wall-Street-Könige

Die internationale Wirtschaftspresse versucht sich nach dem von Lehman Brothers ausgelösten Börsencrash an Zukunftsszenarios und Lösungsvorschlägen. Der Sydney Morning Herald sieht die Private Equity-Branche als nächstes Opfer der Finanzkrise. Les Echos aus Frankreich erklärt, woran Dell gescheitert ist. Fundstück: Die Angst des CEO?s vor dem Analysten.
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Der Standard aus Wien sieht im aktuellen Börsencrash den Beginn eines positiven Ausleseprozesses: "Die großen Verlierer dieser Krise sind die bisherigen Könige der Wall Street, die Investmentbanken, die in den vergangenen Jahren mit immer komplexeren Finanzprodukten Milliarden verdient und ihren Leuten unverschämt hohe Gehälter ausgezahlt haben." Lehman oder Merrill Lynch werde deshalb kaum jemand eine Träne nachweinen. Mittelfristig gestärkt würden hingegen Geschäftsbanken wie Bank of America, JP Morgan oder auch die österreichischen Institute, die in den Boomjahren etwas besonnener agiert haben. Allein - die Gefahr, dass die Bankenkrise sich immer weiter ausbreite und dann die Weltwirtschaft in den Abgrund reißt, bestehe trotzdem. Deshalb müssten Banken und Anleger, so die Zeitung, gezwungen werden, Risiken wieder richtig einzuschätzen und nur in jene Papiere zu investieren, die sie verstehen. Der Weg dorthin werde sicher hart werden.

Auch das Wall Street Journal empfiehlt dem US-Finanzministerium, aggressivere Schritte zum Schutz den Bankensystems zu wagen. "Vorstellbar wäre zum Beispiel die Gründung einer weiteren Resolution Trust Corporation, die auf Immobilien oder Hypotheken basierende Vermögenswerte erwirbt, wenn sich für diese kein Käufer mehr finden lässt." Auf diese Weise könnten die Preise stabilisiert werden, zudem liefe der Verkauf oder die Liquidation dieser Werte in geordneten Bahnen.

Im L?Express gibt sich der französische Finanzexperte Michel Aglietta resigniert: "So funktioniert nun mal der Kapitalismus: Die Gewinne werden privatisiert, und die Verluste sozialisiert." Für ihn gebe es deshalb nur eine Lösung aus der Krise: Die Politiker müssten erkennen, dass die globale Finanzkrise ein Ausmaß erreicht habe, die eine Änderung der Reglementierungen erzwinge. "Wir brauchen eine Rückkehr zum autoritären Staat, um die Risiken zu minimieren. Eine neue Finanzorganisation muss etabliert werden, die der Wirtschaft dient, und nicht sich selbst."

Sorgen um die Wall Street müsse man sich nach Auffassung des Forbes Magazins aber nicht machen: "Die Geldmacher finden auch woanders Jobs, und die Arbeitsbienen aus den mittleren Rängen werden letztlich in einer rekonstruierten Wall Street unterkommen. Also bitte keine Krokodilstränen für Lehmann oder Bear Stearns, das sind doch nur Namen an einer Tür." Die Wall Street, das sei sicher, werde sich von der Subprime-Krise befreien und für ein Paar Jahre die Hände von Hypotheken lassen. "Sie wird zu ihrer Basisarbeit zurückkehren, die darin besteht, für wachsende Industriezweige Kapital aufzutreiben und dafür Gebühren zu verlangen, von denen sie die Hälfte für sich einstreicht."

Das russische Wirtschaftsmagazin Expert sieht in der dramatischen Entwicklung um Lehman Brothers und Merril Lynch Chancen für Russlands Banken. Während das weltweite Finanzsystem sich neu formiere, könnten russische Banken einen angemessenen Platz beim Aufbau dieses neuen Systems einnehmen. Anders als den amerikanischen Investmentbanken drohe den russischen Finanzhäusern keine Pleitewelle. "Der Kapitalabfluss aus Russland und damit verbundene Liquiditätsengpässe für russische Banken sind nur vorübergehend", ist sich das Blatt sicher. "Während der aktuellen Krise wird sich die globale Finanzwelt stark verändern." Es würden sich neue Machtzentren herausbilden, die Frage sei nur wer Sieger und wer Verlierer sei, und wer entsprechend die neuen Regeln diktiere. "Genau hier könnte Russlands Chance liegen", kommentiert das Magazin.

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