Internationale Presseschau vom 17.12.2008
Pokerspieler und Pyrotechniker

Die internationale Wirtschaftspresse schimpft fast einhellig über die radikale Leitzinssenkung durch Fed-Chef Ben Bernanke. Kommersant glaubt, dass Russland auf eine Katastrophe zusteuert. Das Journal des Finances aus Frankreich spekuliert über einen Wechsel von Apple-Chef Steve Jobs an die Yahoo-Spitze. Fundstück: billig fliegen, teuer parken.

Die US-Notenbank Federal Reserve hat gestern den Leitzins stärker als erwartet gesenkt: auf eine Zinsspanne zwischen null und 0,25 Prozent. "Wenn Ben Bernanke kein Ökonom und Zentralbanker wäre, könnte man annehmen, er sei Pokerspieler auf einem der Kabelkanäle", schreibt das Wall Street Journal. Zwar lege die gestrige Aktien- und Bonds-Rally im Anschluss an die Entscheidung die Vermutung nahe, dass Investoren den Kurs der Fed unterstützten. In Wahrheit hätten sie jedoch schon vor der Zinssenkung gejubelt. "Der Lackmustest der Politik besteht darin, ob der Kurs zu einem Wirtschaftswachstum führt, nicht jedoch darin, ob Bernanke die Zuschauer mit Pyrotechnik blenden kann." Vor diesem Hintergrund sei das Ergebnis der Fed-Geldpolitik bisher miserabel ausgefallen: Erst habe die Notenbank durch zu lange niedrig gehaltene Leitzinsen die "Kredit-Manie" und Häuser-Blase entstehen lassen. Dann habe die Fed im Herbst 2007 erneut die Zinsen rapide gesenkt und eine zweite Blase, diesmal bei den Rohstoffpreisen, befördert, was die Rezession nur verschlimmert habe. Der erneuten gestrigen Zinssenkung hält das Blatt entgegen: "Das größte Wirtschaftsproblem von heute ist nicht der Liquiditätsmangel, sondern die Angst und Unsicherheit."

"Wir verlassen die bekannte Welt", kommentiert Les Echos aus Frankreich die "beispiellose Entscheidung" der "stärksten Finanz-Macht des Planeten". Beinahe 100 Jahre nach ihrer Gründung verleihe die Fed das Geld so billig wie noch nie zuvor. "Sie kann diesen Hebel also nicht mehr betätigen - der aber ohnehin ineffizient geworden ist", meint das Blatt. Ein zweites Zeichen dafür, dass die Welt unbekanntes Terrain sondiere: Die Welt sei in der von Keynes beschriebene Liquiditätsfalle gefangen. "Auf einem Planeten, wo die Banken und Firmen nicht mehr daran denken, ihre exzessiven Schulden loszuwerden, wollen alle ihr Geld behalten, kein Mensch will sich Geld borgen. DIe Entscheidung der Fed markiert das Ende der Geldpolitik, wie sie seit Menschengedenken betrieben wurde, indem die Zinsen je nach Ereignissen und Erwartungen gesenkt und wieder angehoben werden."

Mit ihrem Schritt habe die Notenbank einen weiteren Schritt getan, um Geld und damit ihr Hauptinstrument zunehmend wertlos zu machen, schimpft die Neue Zürcher Zeitung. Die Fed-Spitze erinnere an einen Systembetreuer, der seine Anlage nicht mehr richtig unter Kontrolle habe und in zunehmender Ungeduld und wachsendem Ärger immer stärkere Stromstöße durch die Leitungen schicke, auch wenn einige Drähte schon durchschmelzen würden. "Der jüngste Zinsschritt macht aus dieser Sicht eher einen verzweifelten denn einen entschlossenen Eindruck, auch wenn die Fed-Spitze darlegt, dass man mit der Reduktion des Nominalzinses auf fast null den weiter verschlechterten Märkten entgegenwirken und Kredite, Konsum, Investitionen und Produktion anregen wolle." Tatsächlich sende die US-Geldpolitik aber das Signal aus, Leben und Wirtschaften sollten ähnlich weitergehen wie in den letzten Jahren - dass Banken, Unternehmen und Haushalte nun einige Zeit brauchten, um Fehler zu beheben und zu verdauen, habe in diesem Denkmodell wenig Platz.

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