Internationale Presseschau vom 19.9.2008
Kampf gegen die globale Paralyse

Die internationale Wirtschaftspresse bleibt im Bann der Finanzkrise und rückt neue Finanzspritzen, die Verdienste britischer Banker und die Auswirkungen auf Schwellenländer in ihren Fokus. Die Weltwoche geißelt das Missmanagement bei Ciba. Die Münsterländische Volkszeitung verabschiedet den Karmann-Fahrzeugbau. Fundstück: Dilbert auf Präsidentensuche.
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Neue Finanzspritze der US-Regierung

Das Wall Street Journal befürwortet die gestern durchgesickerten Pläne von US-Finanzminister Henry Paulson und US-Notenbank-Chef Ben Bernanke, US-Banken im großen Stil notleidende Kredite abzukaufen - im Gespräch sei ein Volumen von 500 Milliarden Dollar - und so die Paralyse des weltweiten Finanzsystems zu durchbrechen. Dabei seien die Details entscheidend: Der Steuerzahler müsse geschützt werden, außerdem sollten die Banken eine Strafe dafür zahlen, dass sie ihre Kredite loswerden, fordert das Wirtschaftsblatt. Möglicherweise könne der Plan bereits bis Sonntag vom US-Kongress abgenickt werden, was rekordverdächtig wäre. "Aber nichts beschäftigt einen Politiker so sehr wie anstehende Wahlen", kommentiert das Blatt.

Russische Regierung schnürt Notfallpaket

Die russische Regierung wolle rund 100 Milliarden Euro zur Unterstützung der strauchelnden Finanzmärkte bereitstellen, schreibt das Wirtschaftsblatt Kommersant . Ein Teil der Summe werde direkt in die Moskauer Börse gepumpt, unter anderem sollen rund 15 Milliarden Euro in Aktien der staatlich kontrollierten Banken VTB und Sberbank fließen, während russische Ölförderer bis zu 10 Milliarden Euro in Form von niedrigeren Exportzöllen auf Erdöl erhielten; außerdem dürften eine Reihe von Unternehmen auf Geheiß des Finanzministeriums ihre Steuerschuld später als vorgeschrieben begleichen. Die Hilfsmaßnahmen seien enorm ausgeweitet worden, berichtet Kommersant. Noch vorgestern sei die Rede von einem nur 30 Milliarden Euro schweren Hilfspaket gewesen. "Die staatliche Unterstützung sollte die Liquiditätskrise der Banken kurzfristig beenden", kommentiert die Zeitung.

Russische Krise kein Kollateralschaden

Die Süddeutsche Zeitung kommentiert die Panik unter den russischen Börsianern: Immobilienfirmen stornierten Aufträge, Banken drohe der Kollaps, was bei Russen Erinnerungen an den Rubel-Crash im August 1998 wecke. Während der Staat damals jedoch Renten und Löhne nicht habe zahlen können und unter einem Schuldenberg geächzt habe, wachse die Wirtschaft heute, außerdem seien die Schulden fast abgebaut. Dennoch sei die aktuelle Krise weit mehr als ein Kollateralschaden. "Angesichts einer Politik, die ihre schönen wirtschaftspolitischen Versprechen vom Frühjahr außenpolitischen Ambitionen opfert, reagieren viele ausländische Investoren verschnupft. Die kühlen Erklärungen des Kreml zur WTO, Dauerkrisen wie jene um TNK-BP und eine konfrontative Politik wie nach dem Georgien-Krieg wirken wenig einladend."

Kapitalflucht aus den Schwellenländern

Die Zeit untersucht die Auswirkungen der Weltfinanzkrise auf Schwellenländer von Russland bis Südkorea. Nach dem Bankrott der US-Bank Lehman Brothers habe der MSCI Emerging Markets Index, ein konsolidierter Börsenindex der aufstrebenden Wirtschaftsnationen, 3,5 Prozent verloren. Fast überall in den Schwellenländern fielen Währungskurse und Aktien; vor allem kurzfristig kalkulierende Investoren zögen ihr Kapital ab. Statt einer "Entkopplung" der Schwellenländer laufe derzeit ein anderes Szenario am internationalen Finanzmarkt ab: Anleger verkauften angesichts der düsteren Stimmung hastig alle Wertpapiere und Investitionen, die sie als riskant einstuften, darunter Währungen und Wertpapiere aus den emerging economies. Dies habe psychologische und praktische Gründe: "Wenn so viele Anleger zurück in den vermeintlich sicheren Dollar flüchten, steigt diese Währung ja auch, und das Engagement lohnt sich. Dieser Mechanismus gehört zu den Selffulfilling Prophecys am internationalen Finanzmarkt. Zu den Vorhersagen, die wahr werden, weil jeder dran glaubt", erklärt die Wochenzeitung.

Londons Banker sind Helden

Die Londoner Times hält eine Verteidigungsrede für britische Banker, die nach Einschätzung der breiten Öffentlichkeit derzeit für ihre eigene Gier bezahlten. "Aber diese Banker verdienen diesen Spott nicht. Der außergewöhnliche Aufstieg Großbritanniens im vergangenen Jahrzehnt ist nicht auf Gordon Browns Haushalt oder Tony Blairs Cool Britannia, sondern auf die City zurückzuführen", erklärt die Zeitung: auf die Investment-Banker, Hedge-Fonds-Manager und Private-Equity-Chefs, die Großbritannien in eine globale Ökonomie verwandelt hätten, indem sie die Restaurants gefüllt, Häuserpreise in die Höhe oder den Anteil der Finanzindustrie am Bruttoinlandsprodukt in weniger als zehn Jahren von 6,6 auf 9,4 Prozent ausgebaut hätten.

Lob für Spaniens Krisenmanagement

"Das gesamte Geschäftskonzept der Bankgeschäfte ist in der Krise", zitiert El País aus einem Radio-Interview mit dem spanischen Europakommissar Joaquím Almunia. Das katastrophale Risikomanagement der Banken habe zum aktuellen Chaos beigetragen. Immerhin habe das schnelle Einschreiten der Europäischen Zentralbank zur Kreditsicherung zumindest in Europa das Schlimmste verhindert. Trotzdem wolle er nicht die Hand dafür ins Feuer legen, dass sich das Schicksal der britischen Bank Northern Rock nicht auch bei weiteren Banken wiederholen könne. Zumindest in Spanien habe ein gutes Management des Staates stabile Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die Krise nun schnell überwunden werden könne - trotz der "schmerzhaften Anpassung" des Immobiliensektors.

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