Internationale Presseschau vom 2.10.2008
Kein sicherer Hafen, nirgendwo

Die internationale Wirtschaftspresse diskutiert über den EU-Notfonds zur Eindämmung der Finanzkrise, den Frankeichs Finanzministerin im Interview mit dem Handelsblatt vorgeschlagen hat. Globe and Mail aus Kanada sieht die Supermacht USA am Ende. Die Novye Izvestia untersucht die Krise der russischen Tourismusbranche. Fundstück: Ich bleib' dann mal zu Hause.
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Der Standard aus Wien kommentiert die mögliche Schaffung eines EU-Notfonds zur Eindämmung der Finanzkrise, den Frankeichs Finanzministerin Christine Lagarde im Interview mit dem Handelsblatt vorgeschlagen hat. "So sinnvoll die Rettungsfonds dies- und jenseits des Atlantiks auch sind, leisten sie dauerhaft nur gute Dienste, wenn sie auch eine tiefergehende Systemkritik auslösen", mahnt das Wiener Blatt. Daraus müsse sich die Notwendigkeit einer viel strengeren Regulierung im Finanzbereich ergeben. "Die Eigenkapitalbasis der Banken sollte deutlich verbreitert werden", schlägt der Standard außerdem vor. Institute, die mit öffentlichem Geld gerettet wurden, sollten dieses auch zurückzahlen, wenn sie später wieder Geld verdienen. "Ohne Rückzahlungsverpflichtung wären die Rettungsfonds eine Versicherungspolizze für die großen Institute und deren Aktionäre: Gehen die Spekulationen auf, steigen die Dividenden. Lagen die Fondsmanager falsch, hilft der Staat." Doch den Anreiz der "Verstaatlichung der Verluste bei weiterer Privatisierung der Gewinne" dürften die Rettungsfonds der EU und der USA nicht bieten.

Der Online-Wirtschaftsdienst istockanalyst.com befürwortet einen EU-Rettungsfonds und begründet dies mit der "systemischen Krise" auf dem europäischen Finanzmarkt, angesichts derer die Zentralbanken kein anderes Ziel haben dürften, als den Sektor zu stabilisieren. "Es ist zweifelhaft, ob irgendjemand einen schmerzfreien Weg aus dem Chaos findet, das den alten Kontinent erreicht hat." Die Zentralbanken versuchten mit allen Mitteln, die Insolvenzen von Banken zu verhindern, weil diese einen Dominoeffekt auszulösen drohten, der sich in einen "Eurozonen-Tsunami" verwandeln könnte. Eine Insolvenzwelle bedrohe Spanien, Portugal, Griechenland und Italien in den kommenden Wochen, während Banken in Osteuropa wegen der rasch steigenden Inflation bei niedrigen Wachstumsraten ums Überleben kämpften. Fazit: "Die Suche nach einem sicheren Hafen ist sinnlos. Die Bankenkrise, die schon in Großbritannien und Belgien wütet, weitet sich wie eine hochansteckende Krankheit aus."

Der Economist hinterfragt die "europäische Schadenfreude" über die Missstände des US-amerikanischen Kapitalismus. Sowohl Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, Bundesfinanzminister Peer Steinbrück als sein italienischer Kollege Giulio Tremonti seien sich in ihrer Kritik an der laissez-faire-Ideologie in den USA einig. Die gängige Haltung in Europa sei: "Wir wussten schon immer, dass ungezügelte, freie Märkte ein Fehler sind, wir wurden nur dafür verspottet, und jetzt zahlen wir alle den Preis für die Exzesse." Gleichwohl sei unklar, ob mit dieser Haltung eine veränderte Außenpolitik gegenüber den USA einhergehe. Sarkozy, der zuletzt einen Links-Ruck vollzogen habe, sei zwar früher als "Amerikaner" bezeichnet worden, in Wirklichkeit habe sich "Sarkonomics" jedoch schon immer einer Klassifikation widersetzt; in der Industriepolitik habe er sich oft für staatliche Bailouts eingesetzt. "Einige Amerikaner befürchten zwar, dass der französische Sozialismus an der Wall Street angekommen sei. Das letzte Mal jedoch, dass die Franzosen einen richtigen Sozialisten als Staatenlenker gewählt haben, ist 20 Jahre her."

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