Internationale Presseschau vom 2.2.2009
Schluss mit der Vorstellung einer globalisierten Wirtschaft

Die internationale Wirtschaftspresse sucht nach Davos nach Lösungsansätzen für ein neues Weltfinanzsystem. Die Sunday Times sieht in Chinas Investition bei Rio Tinto einen strategischen Schachzug. Marianne wertet den Ausstieg von Siemens bei Areva als Zeichen deutsch-französischer Zwietracht. Die Herald Sun polemisiert gegen die EU-Kommission. Fundstück: Der groteske Ein-Dollar-Club.

"Der neue Konsens in Davos ist der, dass der alte Konsens nicht anerkannte, dass die Finanzmärkte sich nicht selbst regulieren und anfällig für Blasen sind", kommentiert The Age aus Australien eines der Ergebnisse des Weltwirtschaftsforums. "Eine effektivere Regulierung ist nötig, um den Grad der finanziellen Risiken nachvollziehbarer zu machen. Als gute Globalisierer verlangen die Teilnehmer von Davos nun nach mächtigen, einflussreichen Regulatoren und entscheidenden Gremien, die jene systemische Risiken einschätzen und managen, die zu dem verhängnisvollen globalen Boom führten." So wollten sich die G20-Staaten nun politisch der globalen Krise widmen und der Internationale Währungsfond habe sich bereit erklärt, die führende Rolle zu übernehmen. "Das Problem aber ist, das einige Regierungen noch immer davor zurückschrecken, Macht auszuüben. Dazu gehört auch die USA, die einen Widerspruch in sich darstellt: größter Schuldner weltweit und Besitzer der weltweit wichtigsten Reservewährung." So habe der ehemalige US-Präsident Bill Clinton China in Davos gebeten, den US-Haushalt weiter zu stützen. "Einige in Davos meinten, dass die Globalisierung in Scherben liegt, weil der Champion gewinnen wollte, ohne die Disziplin ausreichend zu akzeptieren."

Erste Anzeichen dafür, wie die künftige Finanzlandschaft aussehen könnte, hat das Wall Street Journal in Davos ausgemacht: "Während der derzeitige Fokus noch auf der Verstaatlichung von Banken oder der Absicherung gegen faule Anlagen liegt, entstand in der Schweiz ein Bild davon, wie Banken in Zukunft reguliert werden könnten." So könne die Errichtung eines neues Wirtschaftsrates auf Ebene der Vereinten Nationen, wie ihn die deutsche Bundeskanzlerin angeregt habe, sinnvoll sein. Auch würden die Modelle, nach denen Banken arbeiteten, auf absehbare Zeit einfacher sein; die Möglichkeiten, Risiken auf dritte Parteien abzuladen, sollten beschränkt werden. "Zudem werden Regulierer die Banken dazu zwingen, klarer und transparenter über die Art der Risiken zu informieren, die in ihren Bilanzen stehen." Und mit Blick auf Hedgefonds sei denkbar, dass diese Anlagen und Verbindlichkeiten künftig besser aufeinander abstimmen müssten, um Liquidität auch in schwierigen Zeiten zu garantieren. Schließlich werde es nicht mehr so einfach sein, Schulden anzuhäufen, um Gewinn zu machen: "Den Finanzinstituten wird mehr Eigenkapital abverlangt werden. Das senkt die Verschuldungsgrenze und führt langfristig zu mehr Stabilität."

Die taz plädiert nach Davos für eine neue globale Währungspolitik. Denn das Fehlen eines weltweiten Währungssystems habe die Ungleichgewichte geradezu provoziert. So habe z. B. Amerika der chinesischen Regierung "Manipulation" der Währung in Richtung Unterbewertung vorgeworfen, um chinesische Handelsbilanzüberschüsse zu zementieren; den USA sei so der Defizitabbau erschwert worden. Doch hätten gerade die USA die Entwicklungsländer seit Anfang der 90er-Jahre zu einer raschen Öffnung ihrer Kapitalmärkte gedrängt, ohne ihnen ein funktionsfähiges globales Währungssystem anzubieten. "Wie kann man einem Land freien Kapitalverkehr empfehlen, wenn sich sein Wechselkurs dank internationaler Spekulanten in völlig unberechenbarer Weise entwickeln kann?" Was die Welt brauche, seien konstruktive Vorschläge, wie man vermeidet, dass immer mehr Länder, von den Finanzmärkten getrieben und weil Hilfe ausbleibt, in Panik ihre Wechselkurse dem freien Fall überlassen. Zwar werde Bretton Woods, das globale Währungssystem der zwei Jahrzehnte nach dem Krieg, gelegentlich aus der Schublade geholt; doch die Konsequenz daraus, dass man nämlich nicht einfach Standortwettbewerb treiben und Überschüsse zu Lasten anderer erzielen darf, bleibe in der Schublade. "Wenn wir nicht endgültig Schluss machen mit der Vorstellung von einer globalisierten Wirtschaft, in der jeder machen darf, was ihm passt, werden wir die Krise nie überwinden."

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