Internationale Presseschau vom 20.10.2008
Die Kultur der Gier

Die internationale Wirtschaftspresse verurteilt die pauschale Brandmarkung gieriger Banker und Manager - und proklamiert eine "Kultur der Gier". Der Nouvel Observateur zeigt sich vom 600-Millionen-Skandal bei der französischen Sparkasse geschockt. Gazeta.ru glaubt, dass Russlands Oligarchen bald dem Staat zu Kreuze kriechen. Fundstück: Playmates kommen in der Krise groß raus.
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Den derzeit inflationär gebrauchten Vorwurf der "Gier" versucht die Vancouver Sun argumentativ zu entkräften. "Jeder führt diesen Begriff im Munde, um die Ursache für die aktuelle Krise zu erklären. Doch Unternehmen und Finanzwirtschaft basieren nun mal auf einem Prinzip - dem Prinzip des Selbstinteresses. Es ist das Rückgrat unserer Wirtschaft, unabdingbar für ökonomischen Erfolg und sozialen Wohlstand - und sollte deshalb nicht verteufelt werden." Bereits Adam Smith, der Pate der modernen Wirtschaftswissenschaft, habe darauf verwiesen, dass kein Fleischer oder Brauer oder Bäcker aus Wohlwollen gute Qualität und guten Service biete, sondern aus purem Selbstinteresse. Gesellschaften, in denen Unternehmer frei handeln dürften, verfügten nicht von ungefähr über einen höheren Lebensstandard, denn ökonomische Freiheit resultiere in höheren Einkommen, höherer Lebenserwartung, besseren Bürgerrechten und Umweltschutz. Die Ursache für die Krise sei vielmehr bei den schwachen, zu lax handelnden Regierungen zu suchen: "Es war nicht Gier, die die Krise auslöste. Banker, Darlehensnehmer und Investoren haben lediglich rational und ihrem Selbstinteresse gehandelt - nach Regeln, die von armseligen Politikern geschaffen worden waren."

Auch die Süddeutsche Zeitung meint, dass die Verurteilung gieriger Banker, das Feiern politischer Lichtgestalten oder die Forderung an Manager, auf Teile ihres Gehaltes zu verzichten, zu kurz greife: "In der Finanzkrise suchen viele Akteure und Beobachter einfache Wahrheiten - aber die gibt es nicht." So sei fraglich, ob nun alles wieder gut werde, wenn der Staat die Banker nur ausreichend hart domestiziere. Auch sei es kaum beeindruckend, dass die Regierenden so rasch gehandelt hätten: ihnen sei letztlich keine Wahl geblieben. Zudem gerate bereits jetzt in Vergessenheit, dass der Staat die Krise mit ausgelöst habe. Und ob die für Deutschland bereitgestellten 500 Milliarden Euro am Ende tatsächlich fällig würden, hänge auch nicht an der Frage, ob der Staat Gehälter deckele. "Entscheidend wird sein, ob es für alle Banken mehr Transparenz, mehr Langfristigkeit und mehr Haftung gibt. Auch die Bankenwelt muss aus ihren Fehlern lernen." Diesbezüglich sei der Kleinmut unter den angeschlagenen Instituten erschreckend, erst wenige Banker hätten sich an die Öffentlichkeit gewagt. "So aber wird man kein Vertrauen zurückgewinnen, weder in der Öffentlichkeit noch in den eigenen Branchenkreisen."

Der Norwich Bulletin aus Connecticut ruft ins Bewusstsein, dass die "Kultur der Gier" längst nicht nur auf die Wall Street beschränkt sei: "Wir alle sind Teil einer materialistischen Gesellschaft, das steht außer Frage." Die Menschen lebten heute über ihre Verhältnisse, Schulden machen sei für sie inzwischen ganz normal. So habe eine Studie ergeben, dass jeder Amerikaner über durchschnittlich neun Kreditkarten mit einem zusammengerechneten Kreditlimit von 19.000 US-Dollar verfüge. Im Gegensatz dazu hätten die Amerikaner in 2007 gerade mal ein Prozent ihres Einkommens gespart, 1970 seien es zehn Prozent gewesen. Wissenschaftler von der University of Connecticut würden dies auf einen Wandel im Umgang mit Werten zurückführen: "Die Leute sind heute mit ihren Werten verheiratet. Begonnen hat das in den 1980ern unter Ronald Reagan, in den so genannten Yuppie-Jahren: Damals war es plötzlich nicht mehr peinlich, ganz schnell zu ganz viel Geld zu kommen. Die gesellschaftlichen Normen begannen sich zu verschieben."

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