Internationale Presseschau vom 20.11.2008
Tod auf dem Milliardenbett

Nachdem die Auto-Giganten aus Detroit gestern mit ihrer Bitte um staatliche Hilfe im US-Kongress gescheitert sind, ist die internationale Wirtschaftspresse gespalten. Al-Hayat begrüßt die Milliarden-Hilfe der saudischen Regierung für die Baubranche. The Atlantic erklärt, warum Russland nicht im Obama-Fieber ist. Fundstück: Vom Spammer zum Millionär.

Der American Chronicle bedauert die ablehnende Haltung der Republikaner gegenüber den um Hilfe ersuchenden Autobauern aus Detroit. "Es war ein nationaler Notfall, als die Wall Street mit 750 Miliarden Dollar gerettet wurde. Der normale Bürger hat danach jedoch noch keine Erleichterung gespürt. Jetzt, wenn sich die Gelegenheit bietet, die Arbeitsplätze unserer Mitbürger zu sichern, hat uns unser Land erneut im Stich gelassen." Sollte General Motors jetzt die "Toilette runtergespült" werden, hätten die Volksvertreter offenbar kein schlechtes Gewissen. "Das ist toll für sie, aber was ist mit den Arbeitern und ihren Familien - nur Kollateralschäden?"

Huffington Post befürwortet, dass die Kongressabgeordneten den Auto-Bossen am "Tag der Abrechnung" die kalte Schulter gezeigt haben. Alle Amerikaner könnten die Entschuldigungen und Erklärungen aus Detroit nicht mehr hören. Die Auto-Bosse besäßen weiterhin große Egos, die mit einer großen Portion Arroganz garniert seien; Robert Nardelli (Chrysler) und Alan Mulally (Ford) seien den Fragen gestern ausgewichen, indem sie auf ihre erste kurze, einjährige Amtszeit verwiesen hätten - und sich nicht zu den Entscheidungen ihrer Vorgänger äußern könnten. "Das klingt wie die Erwachsenen-Version von ,Ein Hund hat meine Hausaufgaben gefressen'", schimpft die Onlinezeitung.

Die Zeit ist gegen eine staatliche Rettung von GM. Das Argument, der "Kapitalvernichter" müsse aufgefangen werden, weil er "too big to fail" sei und insgesamt bis zu drei Millionen Jobs bei den "Big Three" auf dem Spiel stünden, kontert der Autor: Die Amerikaner würden bei einem Konkurs von GM nicht aufhören, Autos zu kaufen - die Nachfrage verschwände nicht, sondern würde nur umgelenkt, was wiederum neue Jobs bei der Konkurrenz erzeugte. Hielte man GM am Leben, müsste der Konzern weiterhin mit den Altlasten fertig werden: Allen bisher gekündigten Arbeitern müsste er weiter fast den alten Lohn bezahlen, außerdem die Miete für gewaltige, nicht mehr genutzte Areale entrichten und ein Netz von 7000 Händlern, die unter einzelstaatlichem Schutz stünden, unterhalten. "Aber Vernunft ist in diesem Drama nicht gefragt. Barack Obama wird Milliarden zuschießen, Merkel auch. Falls gut isoliert, könnte Opel überleben. GM aber wird, auf Abermilliarden gebettet, sterben."

Das Time-Magazine glaubt, dass Ford auch ohne staatliche Hilfe überleben könne. Während beispielsweise Chrysler Monat für Monat eine Milliarde Dollar verbrenne und bald seine 6,1-Milliarden-Dollar-Liquiditätsreserve verbraucht haben werde, sei Ford reich. Die Firma habe Ende des dritten Quartals noch über ein Barvermögen von 18,9 Milliarden Dollar verfügt; der Finanzen-Zweig von Ford, Ford Credit, arbeite profitabel, da er nicht im Subprime-Geschäft involviert sei; schließlich sei dem Unternehmen eine Kreditlinie von 10,1 Milliarden Dollar sicher. In Europa habe Ford zwar in diesem Jahr ebenfalls weniger Autos verkauft, aber den Marktanteil gesteigert; die hier entwickelten energieeffizienten Modelle könnten zudem die US-amerikanische Produktlinie ergänzen. Fazit: Mittelfristig würde Ford zwar von einem Konkurs der beiden anderen Wettbewerber aus Detroit nicht profitieren, da die Firma mit denselben Zulieferern zusammenarbeite, die bedroht seien. Langfristig jedoch würde Ford zum Nutznießer, da die Kunden zu einer US-Firma strömen könnten, die nicht pleite sei, zu 100 Prozent hinter den eigenen Produkten stehe und ohne gerichtliche Kontrolle operieren könne.

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