Internationale Presseschau vom 20.4.2009
Aktienmärkte: Eine Rally mit großen Unbekannten

Die internationale Wirtschaftspresse misstraut der aktuellen Rally an den Börsen und hinterfragt Ursachen sowie Prognosen für die weitere Entwicklung. Fortune fragt, ob es an der Zeit sei, bei American-Express-Aktien zuzugreifen. Der Economist weiß nicht, ob er Deutschlands Stimuluspaket gut oder schlecht finden soll. Fundstück: Horoskope für die Börse.

„Ging das nicht zu weit und zu schnell?“ hinterfragt das Barron’s Magazine die aktuelle Rally an den Börsen. „Viele scheinen sich geradezu zu wünschen, dass dies in Wahrheit ein Bärenmarkt ist, dass hier Hoffnung über Erfahrung triumphiert. Doch vielleicht ist das nur eine andere Art zu bekennen, dass sie bedauern, nicht gekauft zu haben.“ Tatsächlich hätten viele Aktien einen glänzende Entwicklung in den letzten sechs Wochen genommen, die Indices, allen voran der Dow Jones, hätten an Fahrt gewonnen. „Genau genommen kann die Rally aber nicht auf die Stabiliserung der Wirtschaft zurückgeführt werden, oder die Wiederbelebung der Banken, oder das Stimulus-Paket der US-Regierung. Ihr liegt schlicht ein Run auf Aktien zu niedrigen Preise zugrunde.“ So hätten an der New Yorker Börse die fünf am stärksten nachgefragten Aktien einen Durchschnittspreis von fünf Dollar gehabt, zusammen hätten sie 25 Prozent des Volumens ausgemacht. Das deute z. B. darauf hin, dass hier einzelne, auf fahrende Züge aufspringende Investoren zugreifen würden, aber auch, dass sich der Begriff der systemischen finanziellen Katastrophe vielleicht aus dem Denken an den Märkten zurückziehe. „Diese Rally hat den Aktiengesellschaften Zeit gewonnen, und auch Distanz zu den jüngsten Untiefen, auch wenn etwas Zweifel bleibt.“

Die Financial Times beobachtet das Zögern institutioneller Anleger angesichts der aktuellen Erholung an den Aktienmärkten: Sie fragten sich, ob es sich um einen neuen Trend zum Bullenmarkt, und nicht nur um eine Korrektur des Bärenmarktes handele. Ein Experte der New Yorker Börse meine, dass die derzeit anhaltende Rally von kurzfristig agierenden Wertpapierhändlern getragen werde, die von der hohen Volatilität profitierten, und eben nicht um institutionelle Anleger bzw. auf langfristigen Erfolg setzende Investoren. „Diese Investoren, die wirklichen Geldanleger, warten noch immer, sie wollen sicher gehen, dass die Erholung real ist.“ Andere Experten gingen davon aus, dass sehr wohl institutionelle Anleger an der Rally beteiligt seien. Vor allem US-Aktiengesellschaften verzeichneten große Zuflüsse. „Die offiziellen Zinssätze der Zentralbanken regen langfristig vorgehende Investoren an, eher in Aktien oder hochqualitative Unternehmensanleihen zu investieren, denn behielten sie ihr Geld, würden sie ja bestraft.“ Dabei bekämen US-Akteingesellschaften Konkurrenz: Die Nachfrage nach Anlagen in Schwellenländern habe angezogen: in Brasilien um 26 Prozent, in China um 21 Prozent und in Russland gar um 44 Prozent. „Die Märkte in den USA, Großbritannien und in den Schwellelnändern könnten sich schneller erholen als in der Eurozone“, vermuteten Insider.

Die Börsen-Zeitung warnt davor, der Rally am Aktienmarkt blindlings zu vertrauen. Dass diese sich unverdrossen fortgesetzt habe, sei zuletzt den unerwartet guten Quartalszahlen von Amerikas Großbanken zu verdanken gewesen: „Der Finanzsektor führt unangefochten die Erholung des Marktes an – was ein wenig merkwürdig anmutet, weil sich Aktienstrategen noch bis vor kurzem einig waren, dass sich Bankentitel noch sehr lange unterdurchschnittlich entwickeln werden.“ „Krise? Welche Krise?“, könne man sich also durchaus fragen, wenn man die Zahlen betrachte. Doch seien von den Großbanken unabhängige Analysten davon überzeugt, dass dies alles zu schön sei, um wahr zu sein – und auf die Umstellung von Bilanzierungszeiträumen, auf kreative Bilanzierungsmethoden und den großzügigen Gebrauch von Bilanzierungsregeln hingewiesen. „Der Bankensektor, der sich im Epizentrum der Krise befindet, taugt hinsichtlich seiner ausgewiesenen Ergebnisse also kaum als Indikator dafür, ob die Krise endlich an Dramatik nachlässt“, schlussfolgert die Zeitung. Die überwiegende Zahl der Makrodaten zeichne ein nach wie vor sehr viel düstereres Bild, auch wenn vereinzelt Frühindikatoren Anlass zur Hoffnung geben. „Interessant wird es, wenn in Kürze die Berichtssaison auf vollen Touren läuft. Zu befürchten sind schwache Quartalszahlen und in der Folge ein deutliches Rückschlagpotenzial für die Aktienmärkte.“

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