Internationale Presseschau vom 23.1.2008
Keine Belohnung für die Verwüstung

Nach dem Rücktritt des Merrill Lynch-Chefs empört sich die internationale Wirtschaftspresse über geldgierige Banker und fordert mehr Mitspracherecht für Aktionäre. Bild meint, nicht Zumwinkel, sondern die Pleitebanker seien die eigentlichen Schurken. Die Nesawissimaja Gazeta wirft Medwedew und Putin Unehrlichkeit vor. Fundstück: Wenn Kunden aus Rache bloggen.

Die New York Times ist nach dem Rücktritt von Merrill Lynch-Chef John Thain, der noch im Dezember 2008 einen Bonus von zehn Millionen Dollar gefordert habe, und dem Bekanntwerden, dass Merrill noch im Dezember, kurz nach der Bekanntgabe der Allianz mit der Bank of America, drei bis vier Milliarden Dollar an Bonus-Zahlungen verteilt hat, empört. „Thain ist am Donnerstag zurückgetreten. Aber das Problem ist nicht der eine Banker. Die gesamte Finanzindustrie muss verstehen, dass die Milliarden, die sie aus dem öffentlichen Portemonnaie bekommen hat, keine Belohnung für die Verwüstung sind, die sie im Finanzsystem und im Leben so vieler Amerikaner angerichtet hat.“ Mit Blick auf den Finanzkonzern JPMorgan Chase, der trotz sinkender Profite seine Dividenen nicht gekürzt habe, und im Ausblick auf das „nächste Kapitel der Bankenrettung“ schreibt das Blatt weiter: „Jetzt sind klare Regeln erforderlich, die Dividenden beschränken und der Regierung die Option geben, Zusammenschlüsse von Banken, die Steuergelder erhalten, zu blockieren.“ Außerdem müssten die bisher vagen Gesetze zur Vergütung von Führungskräften im Rahmen der „Rettungs-Gesetzgebung“ verschärft werden.

The Daily Beast widmet sich genüsslich der umstrittenen Renovierung von Thains Büros in Manhattan: Über eine Million Dollar habe Thain dafür ausgegeben, nachdem er den Merrill-Posten von seinem Vorgänger Stan O´Neill übernommen hatte – genau in der Zeit, in der Thain einen radikalen Sparkurs mit dem Abbau von Tausenden Stellen bei der Investmentbank eingeschlagen habe. Für den Großteil der Summe habe Thain den Promi-Designer Michael Smith engagiert, der aktuell das Weiße Haus für die Obama-Familie neu einrichte (allerdings für nur 100.000 Dollar). Dieser habe unter anderem für 87.000 Dollar einen Teppich im Konferenzraum gelegt, einen Mahagony-Schreibtisch für 25.000 Dollar aufgestellt und einen aus Papyrus gefalteten Papierkorb für 1400 Dollar besorgt.

Im Wall Street Journal fordert der Großinvestor Carl Carl neue Regeln, wie staatliche Firmen geführt werden. Kernproblem: Die notleidenden Firmen erhielten Hunderte Milliarden Dollar an Steuergeldern, würden aber nicht dazu verpflichtet, ihre Management-Strukturen zu verändern. „Wie sollte das unserer Wirtschaft dienen, wenn wir die Managements subventionieren, die ihre Firmen in die Misere geführt haben?“ Als Ausweg müsse der US-Kongress Aktionären mehr Rechte geben, um neue Boards zu wählen und die Vergütung von Führungskräften zu beeinflussen. „Laxe und uneffektive Verwaltungsräte, sich selbst bedienende Managements und gescheiterte Kurzfrist-Strategien haben zur absehbaren finanziellen Kernschmelze geführt. Nun ist es Zeit, dass die angeschlagenen Aktionäre zurückschlagen.“

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