Internationale Presseschau vom 23.12.2008
Trotzreaktion vor der Rezession

Die internationale Wirtschaftspresse hinterfragt die derzeitige Konsumfreude in europäischen Ländern und warnt vor zu viel Optimismus. Fortune wägt den Einfluss der Rezession auf Apple - und Microsoft-Produkte ab. Le Figaro und Ilsole diskutieren den Nutzen von Kurzarbeit in Zeiten der Krise. Fundstück: Franz von Assisi hat den Kapitalismus erfunden.

In Österreich zeigt sich der Wiener Standard von der anhaltenden Konsumfreude kaum beeindruckt: "Jahr für Jahr beginnt der Weihnachtsausverkauf immer früher, Jahr für Jahr wollen die Journalisten immer früher von den Handelsforschern wissen, wie denn das Weihnachtsgeschäft werde. Trotz allem: Für die Gesamtentwicklung der Wirtschaft eines Landes wird das Fest Jahr für Jahr weniger bedeutsam." So werde seit Jahren die annähernd gleiche Summe von 1,4 Milliarden Euro ausgegeben. Schwankungen träfen die Konjunktur meist verspätet, so auch 2008: Die Entlassung von Zeitarbeitern wie Stammmitarbeitern habe dem "kollektiven Zug in Richtung der Einkaufsagglomerationen" noch keinen Abbruch getan. So könne man durchaus positiv festhalten, dass der private Konsum derzeit der einzige Wirtschaftssektor sei, der nicht vor Angst erstarrt ist. Doch letztlich sei dies "eine letzte Trotzreaktion vor sechs kommenden eiskalten Monaten der Rezession", warnt das Blatt.

In der Frankfurter Rundschau meint Konsum-Experte Wolfgang Twardawa, dass die Krise bei den Menschen noch nicht angekommen sei: "Die Arbeitslosigkeit ist noch nicht gestiegen, und die Konsumenten haben mehr Geld in der Tasche. Ihr Spielraum ist größer, da Sprit und Heizöl billiger geworden sind." Aber dass der Einbruch komme, sei sicher - vielleicht schon im Januar, vielleicht erst später. Die Rezession werde dann nicht alle gleich treffen. Wer arbeitslos werde, müsse sich einschränken, und wer Angst habe, arbeitslos zu werden, werde vorsichtig mit dem Geldausgeben sein: "Das Angstsparen nimmt wieder zu." Um den Konsum nachhaltig zu stützen, empfiehlt Twardawa den Wegfall der kompletten Mehrwertsteuer bei Handwerkerrechnungen: "Die Preise sinken dann hier auf einen Schlag um 19 Prozent, Schwarzarbeit lohnt sich weniger. Das würde gezielt Jobs schaffen."

Die taz aus Berlin geht der ungebrochenen Kauflust in einem Interview mit einem Psychiater nach. Dieser meint, dass die Verbraucher von der Krise in unterschiedlichem Maße betroffen seien: "Die Menschen, die bisher den Verfall auf den Aktienmärkten unmittelbar spürten, hatten eher viel Geld angelegt und sind betucht. Die können sich also immer noch ihr Handy für 400 Euro leisten. Die anderen wiederum, die kaum Geld auf der hohen Kante haben, sind unmittelbar von der Finanzkrise noch nicht betroffen und konsumieren auch, gerade im Weihnachtsgeschäft." Warum sie dies tun, hänge mit Wohlfühlhormonen zusammen, die ausgeschüttet würden - sowohl beim Einkaufen als auch beim Verschenken. Und auch bei einer ausbleibenden Bestrafung reagiere das menschliche Belohnungssystem: "So ist es derzeit auch hierzulande, alle erwarten den großen Einbruch. Der ist aber noch nicht gekommen. Also fühlt man sich erst mal noch gut."

In Großbritannien bewertet BBC News die neuesten Meldungen zur verbesserten Verbraucherstimmung skeptisch. "Auch wenn der Index überraschend um zwei Punkte stieg, bleibt er immer noch extrem niedrig." Zurückzuführen sei die Konsumfreude der Briten wohl auf die gesunkenen Preise für Energie und Kraftstoffe, aber auch auf die Reduzierung der Mehrwertsteuer von 17,5 auf 15 Prozent. Dennoch habe sich gezeigt, dass die Konsumenten eher pessimistisch in die Zukunft blickten. "Und die entscheidende Frage ist, ob die verbesserte Verbraucherstimmung über die Feiertage hinaus anhält und sich auch in den Januar-Umsätzen niederschlägt."

Seite 1:

Trotzreaktion vor der Rezession

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%