Internationale Presseschau vom 23.9.2008
Historische Bankrotterklärung

Die internationale Wirtschaftspresse beerdigt nach der Umwandlung von Morgan Stanley und Goldman Sachs in normale Banken das Geschäftsmodell der Investmentbank. Le Monde deklariert Hedge-Fonds zu "schwarzen Löchern der Finanzwelt". Der Daily Telegraph bezichtigt Gordon Brown marxistisch-trotzkistischer Züge. Fundstück: "Ich bin ein Computer!"
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"Die Investmentbank, die in den letzten zwei Jahrzehnten unglaubliche Reichtümer anhäufte und half, die USA zur Hauptstadt der globalen Finanzwelt zu machen, erlag am Sonntag in New York ihren Verletzungen aus der Kreditkrise. Sie wurde 75 Jahre alt", lautet die Grabrede des US-Magazins Portfolio. Erfreulich daran sei, dass die Zeiten, in denen die Wall Street wie ein einziges, großes Casino anmutete, in dem freche Cowboys überhöhte Wetteinsätze in der Hoffnung auf gewaltige Boni platzieren konnten, nun vorbei sei: "Das Bankgeschäft wird wieder konservativer werden." Morgan Stanley und Goldman Sachs werden nun ihre Fremdkapitalaufnahmen drastisch reduzieren müssen, so das Magazin, um sich den neuen Vorschriften fügen zu können. "Sie werden bürokratischer werden - und risikoscheuer. Das wird nicht einfach sein."

"An der Wall Street geht eine Ära zu Ende", urteilt auch die Presse aus Wien. Doch mit der Umwandlung in normale Geschäftsbanken sei das nach der Weltwirtschaftskrise der Dreißigerjahre eingeführte Geschäftsmodell der Investmentbank zwar tot, über den Berg seien Morgan Stanley und Goldman Sachs aber noch lange nicht. Morgan Stanley etwa suche verzweifelt Kapitalgeber, die japanische Mitsubishi UFJ Financial Group, aber auch ein chinesischer Staatsfonds seien als potenzielle Geldgeber im Spiel. Und die Auswirkungen auf die derzeitige Situation an den Finanzmärkten sei ohnehin noch unklar: "Für Beobachter in New York gilt die Flucht der beiden Investmentbanken unter die Fittiche der Fed als Beweis dafür, dass die Finanzkrise erst auf ihren Höhepunkt zutreibt."

Der Business Spectator aus Australien sieht mit der Flucht der beiden letzten Investmentbanken unter das schützende Dach der US-Notenbank den Anfang vom Ende des "Schattenbankings". "Es bringt die zentralen Institutionen dieses Bereiches aus dem Schatten heraus ans Licht und ermöglicht, ihre Aktivitäten zu kontrollieren und zu regulieren." Nicht von ungefähr falle dies mit den Verboten von Leerverkäufen zusammen, die den Hedge Fonds-Sektor unter Druck setzten. "Jetzt, wo Hedge-Fonds bezeugen können, wie schnell die Behörden bereit sind, den Markt für Leerverkäufe zu schließen, werden sie nicht mehr ruhig schlafen und dabei darauf setzen können, dass ihnen auch künftig dieselben Möglichkeiten zur Finanzmittelbeschaffung zur Verfügung stehen wie einst den Investmentbanken."

"Die Krise frisst ihre Väter", stellt die Frankfurter Rundschau lakonisch fest: "Anderthalb Jahre nachdem die bizarre Konstruktion ins Wanken geriet, mit deren Hilfe sich Finanzjongleure seit einigen Jahren die Taschen vollstopfen konnten, ist das Ende der Investmentbanken da." Doch leider seien damit nicht unbedingt die Weichen für einen weniger krisenanfälligen Finanzmarkt gestellt. Denn an die Zügel gelegt seien die außer Rand und Band geratenen Kapitalmärkte damit noch lange nicht. "Auch Hedgefonds und Private-Equity-Gesellschaften verdienen gutes Geld daran, dass sie ihre Geschäfte nicht wie regulierte Banken mit einem Mindestmaß an Eigenkapital unterlegen müssen. Dadurch können sie mit hochriskanten Geschäften unglaublich hohe Renditen einfahren, an denen früher oder später auch wieder der Erfolg regulierter Banken gemessen wird." Die Schlussfolgerung aus der aktuellen Krise müsse deshalb heißen: Gleiche Regeln für alle! "Risiko muss teuer werden - für den, der es eingeht."

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