Internationale Presseschau vom 26.1.2009: Gefährlicher Drahtseilakt

Internationale Presseschau vom 26.1.2009
Gefährlicher Drahtseilakt

Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert die Staatshilfen für Schaeffler und Continental. Die International Herald Tribune fordert eine Wiederbelebung der Beziehungen zwischen Deutschland und den USA. Der Standard applaudiert zu den Plänen Barack Obamas, die Finanzindustrie stärker zu regulieren. Fundstück: Das bankrotte England träumt vom Euro.

„Nach monatelangen Querelen haben sich die Kontrahenten auf einen Kompromiss geeinigt“, atmet die Süddeutsche Zeitung auf. Die Einigung – während Vertreter von Schaeffler in den Aufsichtsrat ziehen, werde die Gummisparte für einen Verkauf vorbereitet – komme gerade noch rechtzeitig. Doch damit sei nun nicht wieder alles gut zwischen Continental und Schaeffler. Die beiden hoch verschuldeten Konzerne, die jeder für sich ums Überleben kämpften, aber aufgrund der Eigentumsverhältnisse aneinander gekettet seien, hätten nur ihren kleinsten gemeinsamen Nenner gefunden: „Bis hierher wurde lediglich verhindert, dass die beiden Konzerne in ihrem Kampf gegeneinander gemeinsam zugrunde gehen.“ Die eigentliche Aufgabe stehe noch bevor: „Und die lautet: Aus Conti und Schaeffler einen starken Automobilzulieferer zu zimmern, der die Finanz- und Branchenkrise heil übersteht.“ Die Manager müssten jetzt ganz schnell praktische Lösungen präsentieren, um zu verhindern, dass die Banken, deren Einfluss bei der Annäherung eine Rolle gespielt haben dürfte, noch mehr die Regie führen wollen.

„Real existierende Ausbeutung!“, schimpft ef online, der Internetauftritt der liberalen Zeitschrift „Eigentümlich frei“, angesichts der Staatshilfen. „Vor kurzem, als Maria-Elisabeth Schaeffler sich eine Aktienmehrheit beim DAX-Unternehmen Conti sicherte, schlug ihr seitens der Presse noch harter Wind entgegen.“ Das beste, was ihr gegenüber bekundet wurde, sei der Respekt gewesen, den man auch einem Räuberhauptmann entgegenbringe. „Und natürlich wurde nach staatlicher Regulierung gerufen, um solche Raubzüge zu verhindern.“ Doch von nun an trage auch Maria-Elisabeth Schaeffler das Stigma der Ausbeuterin. Wer hat, dem wird gegeben, habe sie wohl gedacht, und sich flugs ein paar Bürgschaften der Landesregierung gezogen. „Die Fünf-Milliarden-Euro-Frau lässt sich mit Geld subventionieren, das Handwerkern und Arbeitern abgepresst wurde, zum Beispiel den bald arbeitslosen Conti-Beschäftigten. Was Adolf Merckle zu Recht verweigert wurde, zockt Schaeffler jetzt durch.“

Die Hannoversche Allgemeine sieht in der möglichen Hilfe der Landesregierungen von Niedersachsen und Bayern für Schaeffler einen gefährlichen Drahtseilakt. „Wieder einmal soll der Staat und damit der Steuerzahler dafür geradestehen, dass einzelne Manager allzu leichtfertig mit Milliarden um sich warfen. Schaeffler wollte partout das Sagen bei Continental haben, eine Minderheitsbeteiligung reichte dem Familienunternehmen nicht. Nun haben sich die Franken mit der Übernahme des dreimal größeren Konkurrenten verhoben und rufen nach dem Rettungsschirm.“ Die Politiker sollten sich deshalb sehr genau ansehen, worauf sie sich einlassen – vor allem die Staatskanzlei in Hannover: „Warum sollten Niedersachsens Steuerzahler dafür aufkommen, dass eine Milliardärin aus Herzogenaurach das zweitgrößte Unternehmen ihres Landes zerschlagen will? Conti für sich genommen hat seine Milliardenschulden im Griff – erst in der vergangenen Woche haben die Banken die Konditionen angepasst.“ Allerdings wisse Niedersachsens Regierungschef Christian Wulff zu gut, dass eine Notlage des Großaktionärs Conti mit in die Tiefe reißen und im Norden mehr als 12.000 Arbeitsplätze gefährden würde. „Sollten die Niedersachsen deshalb Hilfen beschließen, müssen sie diese an umfassende Zusicherungen Schaefflers in Fragen von Standortgarantien, Transparenz und Kontrollierbarkeit knüpfen“, fordert das Blatt.

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