Internationale Presseschau vom 27.10.2008
Lehrstunde auf Japanisch

Die internationale Wirtschaftspresse blickt mit Sorge nach Japan - und fordert die westliche Welt auf, aus den dortigen Entwicklungen und Problemen zu lernen. Das Wall Street Journal stellt Aufsichtsräte an den Pranger. Der Daily Telegraph sieht die Eurozone in eine Währungskrise driften. Fundstück: "Bis das der Aktienerfolg euch scheidet."
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Große Sorgen bereiten dem australischen Business Spectator die aktuellen Aussichten für Japans Wirtschaft, denn diese stehe vor einem massiven Problem: Der Überschuss aus der Handelsbilanz sei im letzten halben Jahr um 85,6 Prozent gefallen. Rutsche der Wert in die roten Zahlen, wäre das Land nicht mehr in der Lage, seine Währungsreserven aufzustocken - das derzeit einzige Mittel, um ernsthafte wirtschaftliche Verwerfungen zu verhindern. Japan müsse nun gleich zwei schwere Schläge verkraften: Zum einen sei der Überschuss in der Handelsbilanz auf den schwachen Export zurückzuführen - und den steigenden Import von Energierohstoffen -, zum anderen habe der Yen eine Aufwertung erfahren, weil im Zuge der Finanzkrise viele Investoren ganz schnell ihre in Yen gemachten Schulden zurückgezahlt hätten. "Damit wird aber Japans Exportsektor zum Risikofaktor: Ein stärkerer Yen würde hier unweigerlich ein Desaster auslösen." Gerade hochwertige Exportgüter wie Autos oder Computer könnten Verbraucher weltweit abschrecken. Ziehe man zusätzlich in Betracht, dass Haushaltsdefizit und nationale Verschuldung in Japans horrend seien, stehe zu befürchten, dass die Insel den kommenden Wirtschaftsstürmen nicht mehr gewachsen sei.

Die Montreal Gazette aus Kanada sieht in Japans Entwicklung eine Prophezeiung für das, was die westliche Welt ereilen kann. "Japan hatte seine eigene Kreditkrise. In den frühen Neunzigern kollabierte die Finanzwirtschaft aufgrund zu leichtfertig vergebener Kredite. Anlagewerte fielen in den Keller und begruben ein paar Banken unter sich. 1997 pumpte der Staat dann 400 Milliarden US-Dollar in das Land, doch die Wirtschaft begann sich erst ab 2003 zu erholen." Überhaupt habe die japanische Regierung in Ausgaben das Allheilrezept gesehen, allein für zumeist nutzlose Bauprojekte seien zwischen 1992 und 1999 z. B. 120 Billionen Yen aufgewendet worden. "Doch die zeitweilige Linderung eines Problems hat ein anderes befördert: Das Bruttoinlandsprodukt ging um 180 Prozent zurück." Japan zeige, wie lange es braucht, um sich von einer Finanzkrise zu erholen. Die Aktienwerte betrügen selbst heute nur ein Viertel der letzten Spitzenwerte, die Immobilienpreise rangierten zwei Drittel unter den einstigen Topwerten. Zudem gebe es eine nie gekannte Zahl an Obdachlosen und eine höhere Kriminalitätsrate.

CQ Politics - das Onlineportal des amerikanischen Congressional Quarterly Magazins - empfiehlt US-Notenbankchef Ben Bernanke, das Beispiel Japan genau zu studieren, bevor er die Zinssätze erneut drastisch senkt - und damit die Hauptwaffe der Fed im Kampf gegen den ökonomischen Abschwung ihrer Munition beraubt. "Japan hat ein Jahrzehnt mit sehr niedrigen Zinssätzen und einem äußerst schwachen Wirtschaftswachstum gelebt - und ist damit alles andere als gut gefahren." Seit den 1990ern habe die Japanische Notenbank die Zinssätze nahe Null gehalten, die Wirtschaft des Landes habe das aber nicht ankurbeln können. "Selbst heute beträgt der Satz nur 0,5 Prozent, und Japan steht erneut vor einer Rezession." Bernanke habe bis jetzt viel Kreativität in der Nutzung der Fed-Ressourcen gegen die Krise bewiesen. Doch die Zeiten, in denen das Drehen an Zinssätzen geholfen habe, um die Wirtschaft zu beeinflussen, seien vorbei.

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