Internationale Presseschau vom 29.10.2008
Opfer des eigenen Herdentriebs

Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert den anomalen Höhenflug der VW-Aktie und die Rolle der Hedgefonds. Das Time-Magazin kritisiert, dass Uncle Sam an der Wall Street als Sugar Daddy auftrete. Aus Sicht von Le Figaro ist der staatliche Beschäftigungsplan von Nicolas Sarkozy eine Rolle rückwärts. Fundstück: Krise macht Häuslebauern Beine.
  • 0

Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert den anomalen Höhenflug der VW-Aktie. Die Süddeutsche Zeitung richtet den Fokus auf Hedgefonds, die mit Wetten auf fallende Kurse selten so „krass auf dem falschen Fuß erwischt“ worden seien wie jetzt bei VW. Künftig müsse die „Spekulation auf Pump“ für Hedgefonds und andere Investoren begrenzt und den Fonds mehr Transparenz auferlegt werden, rät das Blatt. „Dafür sind neben den Behörden auch Banken verantwortlich, die den Fonds zu leichtfertig Kredit gaben und auf die nun die Probleme der Spekulanten zurückfallen.“ Ein Verbot von Leerverkäufen hätte zwar die Panikkäufe verhindert, die VW nach oben getrieben haben. Das Hauptproblem liege aber darin, dass Porsche mit einer „verdeckten Anschleichstrategie“ das Angebot an VW-Papieren so verknappt habe, dass schon allein deswegen nach Bekanntwerden des Coups der Kurs hochschnellen musste.

Dass der VW-Aktienkurs über wenig mehr als einen Tag hinweg um das Zehnfache gestiegen sei, ist aus Sicht des britischen Telegraph „lächerlich“, da dies nichts mit den Fundamentaldaten von VW zu tun habe. Besonders die Short-Seller seien jetzt bedient: Sie hätten damit gerechnet, dass Porsche bei seiner Kaufkampagne eine Pause einlegt, sobald die Marke von 51 Prozent der VW-Aktien erreicht sei, um erst einmal etwas Luft aus den Aktien herauszulassen. „Aber der begrenzte Streubesitz von VW hat daraus eine riskante Wette gemacht – als wolle man Geldstücke vor einer Dampfwalze aufsammeln.“ Auch die deutsche Börsenaufsicht sehe unfähig aus: Porsche müsse seine Aktivitäten auf dem Optionsmarkt nicht offen legen, weshalb andere Investoren im Ungewissen blieben. Neben Porsche profitiere jedoch besonders ein Mann in dieser Situation: Christian Wulff, Ministerpräsident von Niedersachsen, dessen VW-Aktienblock jetzt 59 Milliarden Euro wert sei – dies entspreche fast ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts des Landes. „Da die Hedgefonds am Haken hängen, könnte Wulff zum Verkäufer werden – und möglicherweise seinen Preis nennen.“

La Tribune aus Frankreich rechnet damit, dass die Verluste von Hedgefonds bei VW auf bis zu zehn Milliarden Euro hinauslaufen könnten. Diese kolossalen Verluste seien die „rationale Frucht einer Kette von außergewöhnlichen Umständen“: vom verwirrenden Spiel der Familie Porsche bei der schleichenden Übernahme von VW bis hin zur Absenkung der Kursziele für die VW-Aktie durch Lehman Brothers im Sommer. Die Hedgefonds müssten jetzt für ihren Herdentrieb bezahlen. Und die Risiken des Spekulieren wiederentdecken.

Seite 1:

Opfer des eigenen Herdentriebs

Seite 2:

Seite 3:

Kommentare zu " Internationale Presseschau vom 29.10.2008: Opfer des eigenen Herdentriebs"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%