Internationale Presseschau vom 3.11.2008
Europas dunkles Geheimnis

Die internationale Wirtschaftspresse analysiert die Krise in Mittel- und Osteuropa - und warnt vor möglichen Konflikten. Die Globe and Mail gibt der US-Politik die Schuld am hohen Ölpreis. Der Corriere della Sera berichtet über empfindliche Strafen für Mobilfunkanbieter. Der Spiegel lobt den deutschen TV-Hersteller Loewe. Fundstück: Das 10 Billionen-Dollar-Erbe.
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Der New Statesman aus Großbritannien blickt auf den europäischen Scherbenhaufen - und sieht die Es-begann-alles-mit-Amerika-These endgültig widerlegt: "Das war Europas dunkles Geheimnis: Während amerikanische Banken unverantwortlich Kredite an Hausbesitzer abgaben, gewährten europäische Banken Schwellenländern Darlehen, die sie nicht zurückzahlen konnten." Europas "Sub-Prime"-Krise erwische den Kontinent nun dank der schwer verschuldeten Nationen des ehemaligen Ostblocks: Ungarn, Ukraine, Weißrussland, Bulgarien, die Baltischen Länder - eine nach der anderen würde nun kollabieren. "Das Schlimme daran ist, dass diese Krise, wie auch in den USA, vorhersehbar war." So seien in diesen Ländern Shopping Malls, edle Bars und Luxuswohnungen entstanden - doch Kunden dafür habe es kaum gegeben. Ob der Internationale Währungsfonds helfen könne, sei fraglich, denn er müsse nun nicht nur ein paar Länder retten, sondern eine ganze Region. "Was wir brauchen sind neue, interventionistische Institutionen, die in der Lage sind, finanzielle Rettungsaktionen auf internationaler Ebene zu managen, eine Weltzentralbank, wie sie einst John Maynard Keynes in Bretton Woods 1944 angedacht hat. Die Alternative wären internationale Spannungen, vielleicht sogar Krieg", so der düstere Ausblick des Magazins.

"Dieselbe alte Medizin für eines neues Europa", kritisiert der Observer das Verharren des Internationalen Währungsfonds in den Dogmen des Freien Marktes. Die Staaten Afrikas zurück lassend und den dort gemachten Fortschritt aufs Spiel setzend, eile der IWF nun Osteuropa zur Hilfe. Ungarn müsse drastische Budgetkürzungen schlucken, in Weißrussland stehe die Regierung unter Druck, den Bankensektor zu privatisieren, und Rumänien habe sich gar geweigert, die Hilfe des IWF anzunehmen, weil das Land die vom IWF verlangten Kürzungen der Staatsausgaben nicht verantworten könne. "Während die USA und Großbritannien ihre Zinssätze senken und die staatlichen Ausgaben anheben dürfen, um ihre Bevölkerung vor der Rezession zu schützen, werden die Schwellenländer gezwungen, ihre Kosten für Darlehen heraufzuschrauben und die staatlichen Budgets zu senken, um den Finanzmärkten zu demonstrieren, dass sie aus ihren Fehlern gelernt haben", schimpft das britische Sonntagsblatt.

"Die fetten Jahre sind vorbei", konstatiert Die Presse aus Wien mit Blick auf Mittel- und Osteuropa: "Die globale Finanzkrise und die mit ihr anschwellende Krise der Realwirtschaft treffen die Region schwer, wenn sie in den einzelnen Ländern auch zunächst unterschiedliche Auswirkungen zeigt. Sicher ist nur: Kein Land steht so gut da, dass es sich der Krise entziehen kann." Besonders hart betroffen seien die Ukraine, Ungarn und Russland, aber auch Rumänien, Bulgarien, Albanien, Kroatien, Serbien, Estland und Lettland würden wirtschaftlich äußerst schwierigen Zeiten entgegensehen. In der Ukraine und Ungarn habe eine völlig zerstrittene und verantwortungslose Elite die Krise verursacht und zu einem Vertrauensverlust in der Bevölkerung geführt, die in eine Radikalisierung der Wählerschaft münden könne. In Russland dagegen habe die Führung die Krise kleingeredet und vor allem den Westen für deren Auswirkungen verantwortlich gemacht. Nun gehe der Reflex der russischen Elite hin zu mehr staatlichen Interventionen in die Wirtschaft. "Politische Radikalisierung, Heilssuche in neuen Formen der Diktatur sind die Horrorszenarien, die sich aus der jetzigen Krise ergeben könnten und für die Mittel- und Osteuropa anfällig sind. Alles schon da gewesen - mit dem Effekt einer Welt in Flammen. Vielleicht täte den verantwortlichen Politikern überall in Europa gerade jetzt eine Geschichtsstunde ganz gut."

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