Internationale Presseschau vom 3.12.2008
Zwangsheirat in Detroit

Die internationale Wirtschaftspresse blickt auf den zweiten Anlauf von General Motors & Co., vor dem US-Kongress um Milliarden an Staatshilfe zu werben. Die Süddeutsche Zeitung kritisiert das gefährliche Spiel der EU-Kommission in der Finanzkrise. gazeta.ru beobachtet die schleichende Verstaatlichung in Russland.

Am morgigen Donnerstag unternehmen Ford, General Motors und Chrysler einen neuen Anlauf, um Staatsgelder zu werben, die ihr Überleben sichern sollen. Der US-Wirtschaftsdienst 24/7 Wall St. glaubt nicht, dass die zunächst von den Demokraten geforderte Summe von 25 Milliarden Dollar zur Rettung ausreichen würde - Jerome York, Ex-Finanzvorstand bei Chrysler, gehe von mindestens 40 Milliarden Dollar aus. Vor diesem Hintergrund und der Tatsache, das die Kostensenkungsprogramme der "Big Three" bereits fast erschöpft seien, schlägt 24/7 eine Fusion der drei Autobauer vor. "Die einzige Chance, eine wettbewerbsfähige US-Autoindustrie zu erhalten, besteht darin, nur eine statt drei Firmen zu retten. Die US-Regierung könnte anbieten, einen Überbrückungskredit zur Verfügung zu stellen, wenn sich die Unternehmen so verhalten, wie es GM und Chrysler schon angedacht haben: wenn sie heiraten." Auf diesem Weg könnten 20 Milliarden Dollar an Kosten eingespart werden. Den Einwand, durch die Fusion entstünde ein "Albtraum an Organisation" und ein scharfer Kampf darum, welcher Mitarbeiter bleiben dürfe und wer nicht, entgegnet der Wirtschaftsdienst: "Ein guter CEO würde die Probleme eindämmen. Viel Unzufriedenheit ist immerhin besser als Bankrott."

Das Wall Street Journal wendet sich in einem offenen Brief an Rick Wagoner und ermutigt den GM-Chef, bei den Anhörungen vor dem US-Kongress ein Ende der viel zu großzügigen Gesundheitsleistungen für insgesamt eine Million Arbeiter und Pensionäre anzukündigen. Die Einigung mit der Auto-Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) sei hauptsächlich dafür verantwortlich, dass der Autobauer nicht mehr wettbewerbsfähig sei - laut Wagoner könnte jedes GM-Auto ohne die Gesundheitsleistungen 1500 Dollar billiger angeboten werden. Zwar gehe es bei den Anhörungen meist in erster Linie darum, dass die Senatoren und Kongressabgeordneten auf den populistischen Zug aufspringen und ein paar Firmen-Skalpe in die Kamera halten können. Wagoner müsse die Gelegenheit dennoch nutzen, um die Politiker dazu aufzufordern, die Steuergesetze gerechter und das nationale Gesundheitssystem stärker zu gestalten, um die Verantwortung von den Firmen zu den Angestellten verlagern zu können.

In Newsweek unterhalten sich der liberale amerikanische Publizist Fareed Zakaria und Ex-US-Vizepräsident Al Gore über die Rettung der US-Autoindustrie und die Umweltpolitik. Mit Blick auf die notleidenden "Big Three" in Detroit erklärt Gore, es sei tragisch gewesen, dass es General Motors zugelassen habe, dass sich Toyota einen siebenjährigen Vorsprung in der Hybrid-Technologie erarbeitet habe. Außerdem plädiert Gore für eine hohe CO2-Steuer, die durch niedrigere Lohnnebenkosten aufgefangen werden könnte, um auf diesem Weg die Abhängigkeit vom Öl zu verringern. "Wir sollten das versteuern, was wir verbrennen, nicht das, was wir verdienen", so Gore.

BusinessWeek führt ein Telefoninterview mit Alan Mulally, während der Ford-Chef zusammen mit drei weiteren Ford-Managern in einem Ford-Hybrid-Auto nach Washington fährt - bei der ersten Anhörung war Mulally noch, zur Verärgerung der Politiker, im Firmenjet angereist, um Steuergelder einzuwerben. Im Gespräch bekräftigt Mulally, für nur einen Dollar pro Jahr arbeiten zu wollen, falls die US-Regierung seinem Unternehmen unter die Arme greift (2007 verdiente der Firmenchef 22 Millionen Dollar); seine Familie verzichte übrigens ohnehin schon meist auf die Firmenjets.

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