Internationale Presseschau vom 30.6.2009
„Zweiter Fall Madoff ist jederzeit möglich“

Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert das Urteil gegen den Betrüger Bernard Madoff. El Economista hält eine Übernahme von T-Mobile UK durch Vodafone für möglich. Laut Kommersant torpediert Russland das Nabucco-Pipeline-Projekt. Die Business Times entdeckt den Segen von Second-Hand. Fundstück: 150 Jahre Gefängnis, 150 Jahre Sicherheit.

„Der Fall Bernard Madoff ist der Beweis dafür, dass es ein ganzes Dorf braucht, um ein Betrugssystem über 65 Milliarden Dollar in Gang zu halten“, kommentiert die Financial Times das Urteil gegen den Finanzjongleur. Eine ganze Reihe von Beteiligten hätte nämlich versagt: „Als Madoff-Kritiker an die Tür der US Securities and Exchange Commission (SEC) klopften, wurden sie missverstanden oder ignoriert.“ Wall Street-Banker seien skeptisch gewesen, hätten sich selbst geschützt, aber den Behörden keinen Hinweis geliefert. Auch hätten Investoren Verdachtsmomente gehabt, sich aber von den glänzenden Profiten blenden lassen. „Selbst die kleineren Opfer vermochten es nicht, Madoffs exklusives Auftreten zu durchschauen.“ Jetzt seien Behörden und Politiker bemüht, so rasch wie möglich Regeln festzuschreiben, um ähnliches zu verhindern. „Es wäre aber vielleicht effektiver, wenn sie dem altmodischen, gesunden Menschenverstand zu einer Renaissance verhelfen würden.“

Das Wall Street Journal beleuchtet die Suche nach den Madoff-Milliarden, die trotz Urteil gegen den einstigen Vorsitzenden der NASDAQ-Börse weiter gehe. „Von den geschätzten 13,2 Milliarden Dollar Nettoverlusten sind bislang nur 1,2 Milliarden Dollar gerettet.“ Derzeit gebe Ruth Madoff, die Ehefrau Madoffs, ihre Habe her, wie Appertements, Schmuck, Pelze und Silberbesteck. Auch bei anderen Familienmitgliedern werde derzeit nach Madoff-Anlagen gesucht. „Die größte Arbeit aber liegt nun in so genannten Rückforderungsprozessen – gegen Investoren, die in den letzten Jahren eine Menge Geld aus der Madoff-Firma herausgezogen haben.“ Insolvenzverwalter Irving Picard habe bereits Klagen im Gesamtwert von zehn Milliarden Dollar in Gang gesetzt. Und bei der Securities Investor Protection Corporation seien bereits 10.000 Klagen von großen und kleineren Opfern eingegangen. „Doch viele dieser Ansprüche werden wohl zurückgewiesen werden.“

„Keine sieben Monate sind seit der Festnahme Bernard Madoffs vergangen, und schon ist das Urteil gesprochen“, merkt La Tribune aus Frankreich an. Mit seinem Schuldgeständnis habe er den Prozess erheblich verkürzen können, was für seine zahlreichen Opfer nicht gelte: Sie müssten juristische Labyrinthe passieren, um vielleicht ein wenig Entschädigung zu erhalten. „Dieser manische Kontrollfreak hat nicht nur seine strafbaren Geschäfte mit Meisterhand geführt, er bestimmt nun auch das Szenario seines Abgangs.“ Das Geständnis gegenüber seiner Familie, die Anzeige durch seine Söhne, seine Festnahme, seine Beichte: Alles habe dazu gedient, sich als gutherziger Monarch zu zeichnen, der alle Schuld auf sich nimmt. „Madoff war die Verkörperung des Vertrauensmanns, des guten Vaters der Familie. Er hat diese Rolle verraten.“

Das Urteil gegen Bernard Madoff sei richtig und wichtig gewesen, doch wer hoffe, dass Finanzkriminalität à la Madoff damit der Vergangenheit angehöre, müsse enttäuscht werden, gibt die Financial Times Deutschland zu Bedenken. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein gewiefter und scheinbar honoriger Typ wie Madoff den Aufsichtsbehörden in einigen Jahren wieder durch die Lappen geht, sei hoch. Zwar habe US-Präsident Barack Obama gerade den größten Umbau der amerikanischen Finanzregulierung seit der Großen Depression ausgerufen. „Madoffs Machenschaften blieben aber nicht etwa deshalb über so lange Zeit unentdeckt, weil die Gesetze zu lasch gewesen wären. Die Aufseher von der SEC haben vorhandene Warnsignale schlicht verschlafen oder ignoriert.“ Wenn Obama die Behördenlandschaft umkrempele, habe das nur geringe Auswirkungen auf die Qualität der Aufsicht. Und: „Ob am Ende Klarheit herrscht, wer für was verantwortlich ist, darf angezweifelt werden.“ Die Lehre für Politiker laute deshalb: „Wer Sparer schützen will, muss nicht nur die Finanzkriminalität bekämpfen. Er muss auch dafür sorgen, dass Kunden ihren Fondsgesellschaften vertrauen können – notfalls indem er auch solche Investoren schärfer reguliert.“

„Er verfügte über eine Heimtücke epischen Ausmaßes, sein Verhalten war monströs. Doch Bernard Madoff ist kein Symbol für den Kollaps der Wall Street, für die globale Finanzkrise, für Gier und Unehrlichkeit. Er ist einzigartig“, warnt die Huffington Post aus den USA vor Verallgemeinerungen im Fall Madoff. Ihm zu viel Aufmerksamkeit zu widmen, bedeute, die viel wichtigere Geschichte dahinter zu verpassen, die Geschichte der längsten Rezession in den USA seit den 1930ern. „Die Krise ist zurückzuführen auf die Verkettung falscher Entscheidungen, auf den rücksichtslosen Verkauf von komplexen Finanzprodukten, auf sorglose Ratingagenturen und geldgierige Investoren, auf darlehensfreudige Banken.“ Die Wirtschafts- und Finanzwelt habe fälschlicherweise Nachhaltigkeit mit Größe und Maßstab verwechselt – und aus den Augen verloren, was Nachhaltigkeit wirklich bedeutet. „Madoff geht ins Gefängnis, aber vor uns, vor den Gefängnistoren, liegt noch eine Menge Arbeit.“

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