Internationale Presseschau vom 4.6.2009
Merkels Fed-Kritik: „Halleluja, Schwester“

Die internationale Wirtschaftspresse diskutiert kontrovers über Angela Merkels Kritik an der lockeren Geldpolitik. Die Börsen-Zeitung weist die Kritik der EU-Kommission an deutschen Banken zurück. Expansion und ilsole24ore untersuchen den Tourismus. Der Business Standard freut sich über das Engagement im indischen Einzelhandel. Fundstück: Pool statt Halfpipe.

US-Notenbankchef Ben Bernanke hat gestern nicht nur angesichts des Budgetdefizits der USA in Höhe von 1750.000.000.000 (1,75 Billionen) Dollar die US-Politik zur Haushaltsdisziplin aufgefordert. Angela Merkels Kritik an der zu lockeren US-Geldpolitik konterte der Fed-Chef darüberhinaus gelassen: Die Kanzlerin verkenne das Ausmaß der gegenwärtigen Krise.

Ähnlich argumentiert die Financial Times. Mit ihrer Kritik an der Fed sowie der britischen Notenbank habe Merkel die erste Regel im deutschen Politikerclub gebrochen: die Zentralbanker in Ruhe lassen. In der Woche der Europa-Wahl sowie einige Monate vor der Bundestagswahl wolle die Kanzlerin offenbar ein paar einfache politische Punkte machen. Grundsätzlich sei es zwar vernünftig, davor zu warnen, dass die Zentralbanken durch ihre Politik eine neue Blase entstehen lassen – die die Wurzel der aktuellen Rezession sei. Gleichwohl dürfe diese Sorge nicht zur Tatenlosigkeit führen. „Politiker müssen diese brutale Rezession beenden.“ Merkels Kritik möge zwar eine politische List sein und zu nichts führen, sei aber schädlich. „Europas Wirtschaft ist unausgeglichen. Deutschland muss zu Hause für mehr Endnachfrage sorgen. Dann aber wird der Binnen-Inflationsdruck steigen.“ Dass die Inflation in Deutschland schließlich höher ausfallen könnte als im restlichen Währungsraum, würde in der Bundesrepublik für Verstimmung sorgen. „Aber Deutschland muss sich damit arrangieren, zum Gemeinwohl der Eurozone“, fordert die FT.

Aus Sicht des Wall Street Journal ist die Tatsache, dass ein Politiker knappes Geld fordert, ebenso ein Wunder wie der Gewinn der Baseball-Wold Series durch die Red Sox. „Halleluja, Schwester“, jubelt das Blatt der Kanzlerin zu. Unabhängig von ihren Motiven sei dies bereits das zweite Mal gewesen, dass sich Merkel als „designierte Lenkerin“ der G20-Fiskal-Clique gemeldet habe. Vor drei Monanten habe sie eine Revolte gegen Barack Obama angeführt, der von Europa verlangt habe, auf seinen keynesianischen Ausgabe-Kurs zu schwenken. Allein die Tatsache, dass die USA von der Welt verlangten, die auf das Level des Zweiten Weltkriegs steigende Schuldenlast zu finanzieren, lasse Merkels Ausgabe-Beschränkung weise erscheinen. Schon jetzt frage sich die Welt, wann die Federal Reserve beginne, die Geldflut einzudämmen, die sie während der Krise in die Wirtschaft gepumpt habe. „Bernanke sagt, man solle sich nicht sorgen, aber das hat sein Mentor Alan Greenspan gestern auch gesagt. Das ist ein schwacher Trost, wenn man sich ihre Bilanz anschaut.“ Fazit des WSJ: Statt von seiner eigenen Verantwortlichkeit abzulenken, sollte Bernanke Merkels Ratschläge beherzigen.

Die Süddeutsche Zeitung rügt Merkel dafür, andere zu kritisieren, ohne die eigenen Hausaufgaben erledigt zu haben – bei der Rettung der Banken hätten deutsche Politiker bislang Stückwerk abgeliefert. Zwar hätten Merkels Anmerkungen einen richtigen Kern: Im Zuge der Finanzkrise sei die amerikanische und britische Notenbankpolitik – und in geringerem Maße die europäische – tatsächlich politisiert worden wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Außerdem sei die im Rekordtempo verlängerte Bilanz der Fed – von 870 Milliarden Dollar im August 2007 auf zuletzt über zwei Billionen Dollar – gefährlich. Wer aber eine „Rückkehr zur Politik der Vernunft“ fordere, unterstelle, dass die bisherige Politik unvernünftig war. „Und dies zu behaupten, wäre mutig. Niemand kann beweisen, dass die Welt in eine Depression gestürzt wäre, hätten die Notenbanken nach 2007 nicht so aggressiv reagiert. Aber es ist wahrscheinlich, dass es so gewesen wäre. Die Politik war riskant, aber vernünftig.“

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