Internationale Presseschau vom 4.9.2008
Opfer des Herdentriebs

Die internationale Wirtschaftspresse untersucht die Spätfolgen der Finanzkrise. Die Wiener Zeitung glaubt, dass Lufthansa beim Ringen um die AUA bessere Karten als Air France habe. Vedomsoti hält ein Ende des Aktionärsstreits bei TNK-BP für möglich. Die Washington Post ist gegen Staatskredite für US-Autobauer. Fundstück: Muschelhändler im Krieg.
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Die Süddeutsche Zeitung zeigt, wie sich Hedge-Fonds in der Kreditkrise selbst entzaubern. Bei der Deutschen Börse hätten die Großaktionäre TCI und Atticus angekündigt, künftig gemeinsam ihre Interessen durchsetzen zu wollen. Und in den USA habe der 2,8 Milliarden Dollar schwere Hedge-Fonds Ospraie schließen müssen, weil er sich am Rohstoffmarkt verspekuliert habe. Beiden Fälle zeigten, dass Hedge-Fonds in der Finanzkrise große Probleme hätten und um Lösungen verlegen seien. „Doch wie Ospraie bei Rohstoffen, so verpassten TCI und Atticus bei der Deutschen Börse den richtigen Zeitpunkt zum Absprung. Seit Monaten fallen die Kurse und jetzt wirken die Mechanismen umgekehrt: Anleger wissen, dass die Hedge-Fonds raus wollen - und gehen schon einmal vor.“

Das Barron’s Magazine analysiert die Krise der Private-Equity-Branche. Bei führenden Firmen wie Blackstone, Apollo Global Management oder Kohlberg Kravis Roberts seien die Gewinne im freien Fall. Grundproblem der Branche: Das alte Geschäftsmodell – Übernahmen durch Fremdkapital finanzieren (das die Banken derzeit aber nicht mehr so locker vergeben) – sei zerstört, ein neues aber nicht in Sicht. In den USA seien bis Mitte August Firmen im Wert von 67 Milliarden Dollar übernommen worden, im Vorjahreszeitraum lag das Volumen laut Thomson bei über 400 Milliarden Dollar. Doch selbst wenn das Geld für Übernahmen vorhanden wäre, argumentiert das Magazin, seien die Beteiligungsfirmen in der Bredouille, da ihr Ruf bei US-Firmen beschädigt sei. Im vergangenen Jahr hätten Private-Equity-Firmen mehrfach in letzter Minute Übernahmen abgeblasen oder dies zumindest versucht: bei SLM, Harman International, United Rentals, PHH, Alliance Data Systems und Huntsman. „Dies hat den Eindruck in vielen Vorstandsetagen hinterlassen, dass Private-Equity-Firmen Raubtiere sind, für die Zusicherungen, Handschläge und Verträge nichts bedeuten.“

Der New Yorker untersucht in der aktuellen Ausgabe die Volatilität des US-Aktienmarktes, die seit Beginn der Finanzkrise zunehme. Seit Anfang Juli habe der Standard & Poors-Index an sechs Tagen um mindestens zwei Prozent geschwankt – zum Vergleich: Von 2003 bis 2006 habe es nur zwei Tage mit gleich großen Schwankungen gegeben. Normalerweise werde Volatilität durch die Unsicherheit der Investoren erklärt, dies könne jedoch nicht als Grund für die großen Wellen auf dem Aktienmarkt genügen, meint das US-Magazin – Händler glaubten dienstags, dass die Apokalypse nah sei und mittwochs, dass der Sturm vorübergezogen sei. Aufschlussreicher sei die Annahme, dass die Händler besonders in unsicheren Zeiten einem Herdentrieb folgten. Hinzu komme, dass die Händler in solchen Zeiten oft ungewöhnlich handelten; statt ihre Verluste minimieren zu wollen, schössen viele Händler übers Ziel hinaus, weil sie häufig übertrieben selbstbewusst handelten. Kurzfristig habe die Volatilität keine Spuren auf den Aktienmärkten hinterlassen, langfristig sei sie jedoch gefährlich, da sie das Vertrauen gewöhnlicher Investoren in den Markt erschüttere.

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