Internationale Presseschau vom 5.12.2008
Leitzinssenkung: Kampf mit stumpfer Waffe

Die internationale Wirtschaftspresse ist nach den Leitzinssenkungen von EZB und Bank of England skeptisch. Für France-Soir ist Nicolas Sarkozy der neue Franklin Roosevelt. Die Nesawissimaja Gazeta ist besorgt um die Sicherheit von US-Staatsanleihen. Asahi Shimbun zeichnet ein düsteres Bild der japanischen Wirtschaft. Fundstück: Wenn die Kunst platzt.

Gestern haben die Europäische Zentralbank den Leitzins um 0,75 Prozentpunkte auf 2,50 Prozent und die Bank of England sogar um einen vollen Prozentpunkt auf 2 Prozent gesenkt. Der britische Independent erinnert daran, dass der britische Leitzins schon oft in der 314-jährigen Geschichte der Notenbank bei zwei Prozent lag - beispielsweise im späten 19. Jahrhundert oder von 1933 bis 1951. Gleichwohl drohe der Wirtschaft eine große Not, sollte der Leitzins bis auf Null sinken, wie von einigen Ökonomen vorhergesehen. Dann steuerte das Land in "unbekanntes Gewässer". Dass die Wirtschaft durch die Zinssenkung wieder anziehe, begleitet von einer langen Inflations-Runde, sei angesichts der düsteren Stimmung unwahrscheinlich. Das aktuelle Kernproblem seien nicht die Kosten des Geldes, sondern die Verfügbarkeit. "Wenn die Leitzinsen bis auf Null gesenkt werden, wird keine Bank zu diesem Satz Geld verleihen, wenn sie es nicht noch günstiger bekommt." Dies werde jedoch selbst in einer Welt, in der die Banken zu ihren Wurzeln - der Kunde bezahlt für die sichere Verwahrung von Geld - zurückkehrten, niemals geschehen.

Der Standard aus Wien zeigt sich ebenfalls skeptisch: Der Leitzins werde immer als die schärfste Waffe der Notenbanken bezeichnet, sie scheine aber äußerst stumpf geworden zu sein - die "Herren des Geldes" überträfen einander zwar monatlich mit spektakulären Zinssenkungen, die Wirkung sei dabei jedoch gleich null. Trotz niedriger Nominalzinsen sorgten Angst und Vertrauensmangel dafür, dass die Verbraucher wenig konsumierten und die Unternehmen kaum investierten. "Die Notenbanker schlagen nur noch um sich, mit ihrer vielgepriesenen Waffe Leitzins - sei es in Boomphasen, wenn jeder kauft wie verrückt, oder in der Rezession, wenn alle Angst haben. Es zeigt sich: Marktwirtschaft funktioniert weniger durch die Geldverfügbarkeit als durch nachhaltiges Vertrauen der Marktteilnehmer zueinander."

Die europäische und die britische Zentralbank verfolgten eine aggressive Zinssenkungspolitik, analysiert die russische Zeitung Delovoj Peterburg. Die größte Zinssenkung in der Geschichte der EZB sei nur der erste Schritt. "Die Zinsen im Euroraum und in Großbritannien werden sich bald der Null nähern. Das wird aber kaum die Rettung sein", glaubt das Blatt. Zu billiges Geld könne zu einem Crash führen, deshalb müsse Europa nach neuen Wegen suchen, um die Wirtschaft zu stützen. An sich sei die Maßnahme altbewährt und richtig, doch wenn der Bogen überspannt werde, seien die Folgen gravierend: Unter anderem könne es zu einer Hyperinflation kommen. Dies sei in Zeiten sinkenden Konsums zwar sehr unwahrscheinlich, allerdings hätten sich durch die Zinssenkung der EZB die Risiken für das europäische Finanzsystem verstärkt.

"Europa in der Rezession und die EZB senkt die Zinsen", titelt la Stampa aus Italien. Die Zinssenkung um 75 Basispunkte habe die Erwartungen der Analysten deutlich übertroffen; die Börsen hätten darauf positiv reagiert und ihre Verluste begrenzt. Nur Mailand bliebe unverändert im leichten Minus. Laut Claudio Scajola, Minister für Wirtschaftsentwicklung in Italien, sei der Schritt der EZB die richtige Antwort, er hoffe nun auf mehr Mut und setze dabei auf die unterstützende Wirkung für Industrie und Investoren. Die Erwartungen für die Wirtschaft, so la Stampa, seien jedoch weiterhin nicht rosig: Laut Eurostat sank das Bruttoinlandsprodukt in Europa im dritten Quartal um 0,2 Prozent; Italien liege mit einem Rückgang von 0,5 Prozent sogar unter dem europäischen Durchschnitt. Vor diesem Hintergrund sei die Ausgangslage in Europa generell schlechter als in den USA und Japan, meint das Blatt.

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