Internationale Presseschau vom 5.5.2009
Fiat: Mit Punto und Schrott zum Weltkonzern?

Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert die Ambitionen von Fiat-Chef Sergio Marchionne, mit Chrysler und Opel einen Weltkonzern aufzubauen. Barron’s blickt hinter die positive Entwicklung der Motorola-Aktien. Die Business Times warnt vor „Green Shoots“, der Business Spectator vor dem „Ausverkauf des Jahrhunderts“. Fundstück: Neue Protestmoden im Zuge der Finanzkrise.

„Fiat-Chef Sergio Marchionne hofft also, einen globalen Konzern aus einem Punto-großen Autohersteller und Schrott aus Detroit zu schmieden. Doch selbst wenn er erfolgreich ist: Vor den Fiat-Investoren liegt ein langer, schwieriger Weg“, warnt das Wall Street Journal vor zuviel Euphorie in Italien. Gelinge der Zusammenschluss mit Chrysler und Opel, werde Fiat die Nummer Zwei in Europa, hinter Volkswagen: „Die Steuerzahler für die Umwandlung des eigenen, angeschlagenen Autokonzerns in eine Weltunternehmen zahlen zu lassen, ist sicher genial.“ Doch die Frage sei, was das neue Unternehmen tatsächlich wert sei. Nach Einschätzung eines Analysten von Sanford Bernstein kämen bei Fiat, 20 Prozent Chrysler und 30 Prozent Opel 10,7 Milliarden Dollar zusammen. Ziehe man Schulden und Pensionsverbindlichkeiten ab, und berücksichtige ferner, dass alle drei Sparten entweder Verlust machen oder gerade noch profitabel seien, bliebe nichts übrig. „Da ist eine Kapitalerhöhung wohl unumgänglich.“ Hinzu komme, dass Marchionne mit Politikern, Gewerkschaften und Investoren weltweit jonglieren und den Spagat zwischen der Kürzung von Industriekapazitäten auf der einen und der von Regierungen gewünschten Produktionssteigerung auf der anderen Seite schaffen müsse. „Da müssen die Fiat-Investoren schon viel Glauben an ihn haben.“

„Größe ist nicht alles“, lautet der Tenor eines Kommentars der Börsen-Zeitung. Fiat sei zu klein zum Überleben – und damit zum Wachsen verdammt, deshalb gebe sich Sergio Marchionne nun nicht mit Kleinkram zufrieden. „Er hat vorausgesagt, dass weltweit nur eine Handvoll Hersteller die aktuelle Krise überleben wird. Als Kriterium dafür hat er einen jährlichen Absatz von mindestens 5,5 bis 6 Millionen Fahrzeugen definiert.“ Mit Chrysler und Opel würde diese Marke deutlich übertroffen. Doch aus „drei kranken Konzernen wird noch lange kein gesunder.“ Fiat strotze nicht gerade vor Finanzkraft, die Turiner würden viel Geld verbrennen, die Nettoschulden des Industriegeschäfts hätten Ende März bei knapp 6,6 Milliarden Euro gelegen. Fiat betreibe den eigenen Größenzuwachs deshalb so, dass möglichst nichts investiert werden müsse. „Bei Chrysler hat das funktioniert. Der nun gewünschte Einstieg bei Opel wird sich allerdings kaum ohne Geld regeln lassen. Aber Fiat hat kaum Geld.“ Ausweg sei eine Fusion, der neue Konzern solle an die Börse gebracht werden, um die Übernahme zu finanzieren. Ob diese Strategie erfolgreich sei, hänge aber nicht nur von der Größe ab, sondern auch davon, ob eine Sanierung von Chrysler und eine Rettung von Opel gelinge. „Und das ist noch keineswegs sicher. Fiat will dieses Risiko offenbar eingehen.“

Die Financial Times hinterfragt die Erfolgsaussichten von Sergio Marchionne, der sich einst wie Jürgen Schrempp bei Daimler aufgemacht habe, einen Weltkonzern zu schaffen. „Ist Marchionne der richtige Mann für diesen Job, vor allem, wenn man seine Erfolgsbilanz in der Schweiz betrachtet?“ Er gelte als Spezialist für Turnarounds, habe die berühmten, aber kränkelnden Schweizer Firmen SGS und Lonza wieder in Form gebracht. „Doch reibungslos lief das nicht ab: In beiden Fällen musste er seine von ihm erwählten Nachfolger verstoßen.“ Auch bei der UBS, wo Marchionne Vizepräsidenten im Verwaltungsrat sei, könne sich die Geschichte wiederholen: Er habe angekündigt, sich möglicherweise nicht erneut zur Wahl in das Gremium zu stellen. Und selbst bei Fiat gebe es Fragezeichen: „Auch hier hat Marchionne einen eindrucksvollen Turnaround hingelegt, doch noch immer schaffen es die Italiener nicht, profitable, große, gute Modelle zu bauen.“ Vor allem dann, wenn ein erfolgreiches Kleinmodell von seinem Nachfolger abgelöst wurde, sei Fiat immer ein Loch gefallen. Das drohe nun auch dem Punto. „Fiat hat keine größeren Modelle über dem Punto, die überzeugen könnten. Denn Investoren bleibt nur zu beten, dass Marchionnes Plan für einen Autogiganten nicht das gleiche bittere Schicksal widerfährt wie seinem berühmten Vorgänger.“

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