Internationale Presseschau vom 5.9.2008
Ein Land ist keine Brigade

Die internationale Wirtschaftspresse fragt sich nach der Rede von John McCain, ob der Republikaner mit martialischen Tugenden eine Nation führen könne. Der Focus verteidigt die Forderung der IG Metall nach acht Prozent mehr Gehalt. The Daily Star aus dem Libanon kritisiert Italiens neuen Kolonialismus. Fundstück: Ex-Genossen zwingen Russen zur Hungerkur.
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Les Echos aus Frankreich hat gestern einen selbstsicheren und entschiedenen McCain auf dem Parteitag der Republikaner gesehen, der mit Kraft, Überzeugung und Offenheit eine seiner besten Reden gehalten habe. Zentral sei dabei die Strategie gewesen, seinen demokratischen Opponenten zunächst zu loben, um ihn dann "gewissenhaft auseinanderzunehmen": Obama wolle die Märkte schließen, die Steuern sowie die Ausgaben des Staates erhöhen und ein bürokratisches Gesundheitssystem aufbauen, während er selbst den Einfluss der Regierung und die Steuern reduzieren und die Abhängigkeit von ausländischer Energie minimieren wolle.

The Atlantic ist nicht begeistert von McCains Rede. Der Satz "Ich habe die Korruption bekämpft" dürfe niemals jemandem über die Lippen kommen, der ein Mitglied der "Keating Five" gewesen sei - Ende der 1990er wurde John McCain vom Aufsichtskommittee des Senats wegen seiner Verstrickung in einen Korruptionsfall gerügt, der als die "Keating Five" in die Geschichte der Wirtschaftsskandale einging. Dass McCain einmal mehr dazu aufgerufen habe, verstärkt nach Öl zu bohren, sei nicht mehr als "Geschwätz": "Das Bohren wird uns genauso wenig wie zusätzliche Windmühlen vom Dämon des Öls befreien. (...) Wir gehören zu einer Weltwirtschaft, die weiterhin so dickköpfig sein wird, ihr Öl von lustigen Menschen zu kaufen, die nicht einmal Englisch sprechen." Schließlich verstören die "martialischen Tugenden" von McCain die Kommentatorin: Der Kandidat glaube, dass die Werte, die eine Brigade begleiten, auch die gesamte Nation führen sollen. "Das ist eine schlechte Idee, und zwar aus demselben Grund, warum wir nicht durch den Kodex der Anwaltskammer oder den hippokratischen Eid geführt werden sollten."

Die New York Times ist nach den beiden Parteitagen der Demokraten und Republikaner irritiert, welcher eigentlich der der Opposition war - McCain habe den Anschein erwirkt, ein Aufständischer zu sein, der die Regierung stürzen wolle, obwohl doch seine Partei gerade an der Macht ist. Der Hintergrund für die Strategie, sich als wahrer Vertreter des Wandels zu inszenieren, sei die Wahl von Sarah Palin zur Vizekandidatin gewesen. Sie verkörpere das Image einer Außenseiterin in Washington. "Doch die Geschichte hat gezeigt, dass es einfacher ist, sich als Opposition zu profilieren, wenn man selbst auch in der Oppositions-Partei ist", schreibt die Zeitung. McCain habe Bush beispielsweise im Irak-Krieg eindeutig unterstützt.

Mit der Nominierung von Sarah Palin als McCains Vize sei die "Enthusiasmus-Lücke", die viele Beobachter im Vergleich zum Obama-Lager festgestellt hätten, geschlossen worden, bilanziert der Wiener Standard den Parteitag der Republikaner. McCains betuliche Kampagne habe plötzlich Pfeffer, die republikanische Basis sei aufgewacht. "Mit einer geeinten und motivierten Partei ist am 4. November tatsächlich alles möglich." Die mangelnde außenpolitische Erfahrung von Palin, die bis 2007 keinen Reisepass besessen habe, bleibe bis dahin jedoch ein großes Defizit. Um die unabhängigen Wähler, die John McCain für einen Wahlsieg brauche, müssten die Republikaner daher nun umso intensiver werben.

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