Internationale Presseschau vom 6.7.2009
Kredit-Zwang: Ein Akt schierer Verzweiflung

Die internationale Wirtschaftspresse bezieht Stellung zu den von deutschen Politikern erhobenen Vorwürfen, die Banken würden zu wenig Kredite bereit stellen. Die Financial Post warnt vor der Europäisierung der US-Wirtschaftspolitik. Les Echos beklagt die zerrüttete Ehe zwischen Frankreich und Deutschland. Fundstück: Feminine Männer ruinieren Japans Wirtschaft.

Die von deutschen Politikern erhobenen Vorwürfe an die Banken, sie würden ihrer Verantwortung nicht nachkommen und die Realwirtschaft nur unzureichend mit Krediten versorgen, weist die Financial Times zurück: "Die Drohungen sind nicht nachvollziehbar und zeugen von schierer Verzweiflung: Sie sind komplette Zeitverschwendung, denn tatsächlich verhalten sich gerade die Banken verantwortungsvoll, wenn sie Kunden Kredite verweigern, die nach ihrer Einschätzung jede Kreditwürdigkeit verloren haben." Das Bankengeschäft sei inhärent pro-zyklisch, deshalb sei es ja gerade so wichtig, die Gesundheit des Bankensektors wieder herzustellen, um die Voraussetzungen für einen wirtschaftlichen Aufschwung zu schaffen. "Liquiditätsspritzen der Zentralbank in einer kurzen Zeitperiode allein helfen da nicht, wenn das eigentliche Problem im Mangel an Bonität besteht. Genauso wenig wie Buchungstricks, die Banken erlauben, ihre faulen Anlagen in ?bad banks? zu schieben, wie jetzt von der deutschen Regierung per Gesetz ermöglicht." Europas Problem sei vielmehr struktureller Natur, das einer Vielzahl an unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Ansätzen bedürfe. Die Eurozone werde letztlich durch einen politischen Rahmenkonstruktion bestimmt, die sich in der Krise als untauglich erwiesen habe. Es bedürfe nun einer gemeinsamen, entschlossen Strategie für ein Bankensystem.

Auch die Süddeutsche Zeitung zeigt weinig Verständnis für die von der Politik vorgetragene Klage. Zwar könnten diese gerade mit Blick auf den Wahlkampf nicht anders, als im Wahlkampf den Druck auf die Finanzwirtschaft zu erhöhen, doch die Androhung von Zwangsmaßnahmen klinge hohl und drücke vor allem Hilflosigkeit aus. Die Gründe für eine sich tatsächlich verknappende Kreditversorgung seien vielschichtig: "Erstens geht es vielen Banken noch immer sehr schlecht, sie scheuen neue Risiken." Einige hätten von der EU die Auflage bekommen, zu schrumpfen, angeschlagene Auslandsbanken schränkten ihr Geschäft in Deutschland noch ein. Zudem würden Hedgefonds kaum noch als Kreditkäufer auftreten, Banken könnten also Darlehen kaum verbriefen und weitergeben. "Und schließlich sind die Ausfallrisiken von Firmenkrediten gestiegen, so dass es aus Sicht der Banken sinnvoll ist, höhere Zinsen zu verlangen oder Darlehen ganz auszuschlagen." Die Banken seien daher in der Pflicht, die vorhandenen staatlichen Hilfsangebote zu nutzen, um wieder stärker als Kreditgeber auftreten zu können. Zugleich solle die Regierung nachdenken, wie sie mit Hilfe der KfW über das bestehende Konjunkturprogramm hinaus den Kreditmarkt ankurbeln kann. "Wenn aber der Staat die Banken zur Kreditvergabe zwingt oder gar selbst Geld verteilt, ist er später für mögliche Verluste verantwortlich."

Das manager magazin hat sich mit einem Bankenexperten über die Gefahr einer "Kreditklemme" unterhalten: "Ich halte die Vorwürfe im Kern für berechtigt. Die Banken nutzen das billige Geld, das sie bekommen, um es möglichst sicher anzulegen, und die Zinsdifferenz streichen die Institute ein. Statt die Wirtschaft ausreichend mit Kredit zu angemessenen Konditionen zu versorgen, schrauben sie die Kreditzinsen für die Firmen in die Höhe oder verweigern ihnen sogar das Darlehen", meint dieser. Die Forderung an Finanzinstitute, einen größeren Beitrag zur konjunkturellen Belebung zu leisten und mehr Verantwortung zu übernehmen, sei daher gerechtfertigt. Gleichwohl solle man sich davor hüten, alle Geldinstitute über einen Kamm zu scheren: "Die Geschäftspolitik ist mitunter doch sehr unterschiedlich. Es gibt durchaus Kreditinstitute, die in ihrer Region diesen Aufgaben weiterhin intensiv nachkommen. Von daher halte ich eine pauschale Verurteilung der Banken an sich für gefährlich." Fairerweise müsse man einräumen, dass es durchaus verständlich sei, wenn die Banken heute Risiken vorsichtiger eingehen als in der Vergangenheit. Einige Unternehmen würden in der Krise eben eine schlechtere Bonität aufweisen als noch vor zwei Jahren.

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