Internationale Presseschau vom 7.10.2008
Wahnsinn ohne Nutzen

Die internationale Wirtschaftspresse bescheinigt den staatlichen Hilfspaketen angesichts des weltweiten Talfahrt der Börsen kaum Erfolgsaussichten. Die Globe and Mail zeigt sich vom Appetit der spanischen Bank Santander beeindruckt. Die Süddeutsche kommentiert Wendelin Wiedekings neuen Schmusekurs. Fundstück: Die Briten haben die Kreditkrise zum Fressen gern.
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Die Presse aus Wien hinterfragt die jetzt einsetzende Garantiewut der Regierungen kritisch. Diese „Wahnsinnsaktion“ sei teurer, als es sich selbst reiche Länder leisten können, und außerdem ein Angriff auf die Effizienz der Finanzmärkte – mit negativen Langfristfolgen für alle. „Und darüber hinaus weiß man nicht einmal, ob es etwas nützen wird.“ Dennoch gebe es noch eine Strategie, die leichtsinniger wäre: die Spareinlagen nicht zu garantieren. „Das Weltfinanzsystem ist derzeit ein Patient, für den es keine etablierte Therapie gibt.“ Niemand wisse, ob er überleben würde, also seien solche Rettungsaktionen unerlässlich – aus ökonomischer Vernunft ebenso wie aus politischer Notwendigkeit. „Man darf dabei nur nicht vergessen, dass die Staatsgarantien auf Spareinlagen nur künftige Verschlimmerungen verhindern, aber nicht die gegenwärtige Misere verbessern können.“ Dringend benötigtes Kapital werde damit z.B. nicht aufgebracht. „Das wissen auch die Börsianer – und dementsprechend ungerührt von allen Garantieerklärungen gaben sie sich am Montag der Panik hin.“

In einem Gastkommentar für die Welt spricht Oswald Metzger staatlichen Lösungsmechanismen jegliche Wirksamkeit bei der Bewältigung der Krise ab. Die Weltwirtschaft werde in eine länger anhaltende Rezession geraten und die Hilfspakete der Regierungen gewaltige Nebenwirkungen entfalten: „Weil faktisch Verluste sozialisiert werden, wird die Risikobereitschaft an den Finanzmärkten ganz schnell wieder die Oberhand gewinnen. Denn jeder, der einmal die Erfahrung gemacht hat, dass hoch riskante Geschäfte nicht zum Totalverlust führen, wird bei künftigen Geschäften kein gesteigertes Risikobewusstsein an den Tag legen.“ Doch gerade der Totalverlust sei die schärfste Waffe gegen die übersteigerte Gier in unserem Wirtschaftssystem. Transparenz auf den Märkten könne mehr zur Begrenzung dieser Gier beitragen als „das strukturell falsch angelegte Brandlöschen durch die Steuerzahler-Feuerwehr.“

Der San Franciso Chronicle fragt sich, was den Ausschlag für die Zustimmung zum 700 Milliarden US-Dollar schweren Rettungspaket im zweiten Anlauf gegeben hat: „War es der dramatische Fall des Dow Jones? War es die Angst der Abgeordneten vor ihren künftig arbeitslosen Wählern? Oder war es das zusätzliche Versprechen von 150 Milliarden US-Dollar Steuervergünstigungen?“ Eins stehe fest: Mit dem verabschiedeten Plan würden die Dinge nun wirklich „hässlich“ werden. Denn vor einem weiteren Abgleiten in die Rezession bewahre er das Land nicht. Es werde neue Arbeitslose geben, und auch der Immobilienmarkt werde nicht stabilisiert: „Der Staat will den Banken die faulen Kredite abkaufen, dabei ist das ursprüngliche Problem doch der Hypothekenmarkt selbst.“ Doch immerhin einen Trost gebe es: Das Rettungspaket werde verhindern, dass die US-Wirtschaft die Klippen herunterstürzt.

Das US-Magazin Portfolio wertet die Talfahrt an den Börsen als Ausdruck des Misstrauens in die Wirksamkeit des US-Hilfspaketes von 700 Milliarden US-Dollar. „Skeptiker meinen, dass der Plan von Anfang an Mängel aufwies, dass die erstarrten Kreditmärkte die Politiker aber zu schnellem Handeln gezwungen hätten.“ Die US-Präsidentschaftswahl erst abzuwarten, sei unmöglich gewesen. Dass auch in Europa und Asien die Börsen dramatisch einbrachen, zeige möglicherweise, dass die Bemühungen der USA zu spät kommen – und kaum effektiv sind. „Es braucht offenbar eine ambitionierte, globale Antwort auf die Krise.“

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