Internationale Presseschau vom 8.7.2009
G8: Abgesang auf politischen Rotary-Club

Die internationale Wirtschaftspresse stellt eine Agenda für den Gipfel im italienischen L'Aquila auf – und sieht das Forum in der Krise. RBC Daily beobachtet Lukoils Expansion in den USA. Cinco Dias kommentiert den Widerstand von Endesa und Iberdrola gegen die geplante Schließung von Atomkraftwerken. Fundstück: Nicht alle weinen um Michael Jackson.

Die G8-Staaten treffen sich heute beim Gipfel in L'Aquila. Das Wall Street Journal schreibt, dass Berlusconi seine Gäste in schwierigen Zeiten empfange. Fotos von jungen Frauen beim Sonnenbaden in Berlusconis Villa auf Sardinien hätten eine Kontroverse in den italienischen Medien und der Politik ausgelöst. „Eine Gruppe weiblicher Universitätsprofessorinnen haben in einem offenen Brief die Ehefrauen der Staats- und Regierungschefs zum Boykott des Gipfels aufgerufen“, schreibt die Zeitung. Der Gipfel finde zudem in der von einem Erdbeben zerstörten Stadt statt. Damit solle die Aufmerksamkeit auf den Wiederaufbau der Stadt gelenkt werden. Allerdings sei ein großer Teil des Stadtzentrums noch immer ohne Strom und ohne Wasser, die meisten Bewohner müssten in Zelten vor der Stadt ausharren. „Wahrscheinlich haben die Gipfelvorbereitungen den Wiederaufbau noch gestört“, glaubt das Blatt.

Die Wirtschaftswoche geht davon aus, dass man sich zum letzten Mal in diesem elitären Kreis in alter Form begegnen werde. „Die Tage des politischen Rotary Clubs sind gezählt, irgendetwas ist passiert und ins Rollen gekommen, man weiß es, man spürt es.“ Die Revolution habe längst begonnen: vor rund sieben Monaten, mit dem Weltfinanzgipfel in Washington, dem ersten Treffen der Regierungschefs auf der Ebene der G20. „Seither sind die Erosion der G8 und die zügige Aufwertung der G20 nicht mehr aufzuhalten; seither verliert der Club der reichen Industrienationen mit jeder weiteren internationalen Zusammenkunft in größerem Maße an Legitimation und Zustimmung.“

Reiche Staaten sollten ihre Märkte für die ärmeren Länder der Welt öffnen, fordert die Financial Times und erwartet vom G8-Gipfel entsprechende Schritte. Die Welt stehe momentan an einer wichtigen Kreuzung. „Entweder die Industriestaaten erteilen dem Protektionismus eine Absage und setzen um, was auf den letzten Sitzungen vereinbart wurde. Oder die Krise wird durch Protektionismus noch verstärkt, wie in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die führenden Industrienationen müssten größere Importe an Lebensmitteln und landwirtschaftlichen Produkten zulassen. „Momentan stehen die Zeichen gut, dass der richtige Weg gewählt wird“, schreibt das Blatt. Die Zeit sei gekommen, um Worte in die Tat umzusetzen. Die USA müssten dabei mit gutem Beispiel vorangehen und die bilateralen Handelsabkommen ratifizieren.

Business Daily aus Kenia fordert vom G8-Gipfel mehr Freiheit für den afrikanischen Kontinent. Die Industriestaaten nutzten ihre wirtschaftliche Macht aus, um Afrikanern den Weg in die entwickelten Länder zu versperren. „Die Hilfsgelder dienen dazu, den Einwanderungsstrom aus Afrika einzudämmen“, schreibt das Blatt. Doch Afrika brauche gut ausgebildete Menschen, die mit ihren Fähigkeiten die Wirtschaft des Kontinents aus eigener Kraft entwickeln könnten. Stattdessen warteten die wachsenden Völker am Straßenrand auf ausländische Entwicklungshilfe und Geld. „Afrikaner müssen mehr Reisefreiheit und bessere Möglichkeiten haben, an den Universitäten der Industriestaaten zu lernen“, schreibt das Blatt. Afrikaner würden dann ein eigenes Entwicklungsmodell erarbeiten, was besser funktioniere, als das westliche einfach zu übernehmen.

Die Vorzeichen des Gipfels stünden schlecht, meint ilsole24ore aus Italien und orakelt, ob es Silvio Berlusconi diesmal gelinge, weitere Ausrutscher auf dem glatten Parkett der Diplomatie zu vermeiden, und ob Angela Merkel endlich ihr gemeinsames Foto bekomme. Doch in Deutschland stünden Wahlen an, und vielleicht sei nun nicht der Zeitpunkt für solche Späße. Der ehemalige UNO-Generalsekretär Kofi Annan habe in einem persönlichen Brief an Berlusconi die fehlende Hilfe der Staaten für Afrika angemahnt. Es werde nun bezweifelt, ob diese Kritik an die richtigen Stelle adressiert worden sei, denn Italien gebe nur drei Prozent seines Bruttosozialproduktes für Entwicklungshilfe aus.

Seite 1:

G8: Abgesang auf politischen Rotary-Club

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%