Internationale Presseschau vom 9.10.2008
Feuern aus allen Rohren

Die internationale Wirtschaftspresse ist gespalten angesichts der Leitzinssenkung der Notenbanken. Die Presse geht hart mit dem zweiten Fernsehduell von John McCain und Barack Obama ins Gericht. BusinessWeek sucht nach Gründen für den freundlicheren Ton Deutschlands gegenüber Russland. Fundstück: Starbucks, Symbol des islamischen Imperialismus.
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Gestern haben sechs führende Zentralbanken der Euro-Zone, USA, Schweiz, von Großbritannien, Schweden und Kanada synchron ihre wichtigsten Ausleihzinsen um 0,5 Prozentpunkte gesenkt. Das Wall Street Journal lobt die konzertierte Aktion der Zentralbanken, die einer weiteren Schwächung des Dollars entgegenwirke. "Ein Chaos auf den Devisenmärkten ist das Letzte, was die Welt jetzt braucht. Stattdessen haben die Zentralbanker die Bestätigung erbracht, dass nicht jeder auf sich selbst gestellt ist." Zwar sei die Schlacht noch lange nicht vorbei, weshalb die europäischen Finanzmärkte auch gestern im Minus geschlossen hätten. "Aber die konzentrierten und starken Aktionen der Politiker weisen allmählich einen Weg aus der Panik."

Auch die Zeit begrüßt die kollektive Leitzinssenkung großer Notenbanken der Welt. "Die westliche Welt erlebt so etwas wie den ökonomischen Verteidigungsfall. In einer solchen Zeit muss der Staat, müssen Regierungen und Zentralbanken aus allen Rohren feuern, wenn sie das System retten wollen." Zinssenkungen seien ein zentrales Element in dieser Strategie. Zwar sorgten niedrige Zinsen tendenziell für höhere Inflationsquoten, doch die allgemeine Konjunkturschwäche werde den Preisauftrieb ohnehin bald von selbst dämpfen. "Es mag angesichts immer noch hoher Benzinpreise verwunderlich klingen, doch die Gefahr einer Deflation ist für die Welt derzeit höher als die einer Inflation." Optimistischer Schlusspunkt der Hamburger: "Finanzminister und Notenbanker können jede Krise eindämmen, wenn sie früh und entschlossen handeln."

Aus Sicht von Les Echos aus Frankreich sind den Zentralbankern die Hände gebunden. Für mehr Liquidität zu sorgen, bringe nichts, da sich die Banken nicht mehr gegenseitig trauten. Als Ausweg aus der Misere schlägt das Blatt drei Maßnahmen vor: So müsse der Markt für die schlechten Aktiva, die sich belastend auf die Bilanzen der Banken auswirkten, wiederhergestellt werden; außerdem müsse das Finanzsystem durch die Rekapitalisierung der Banken gestützt und in den Ländern, die besonders stark von der Immobilienkrise betroffen seien, die Hypothekendarlehen neu verhandelt werden, um eine zweite Welle an privaten Insolvenzen zu verhindern. Dass sich die Märkte von den bisherigen Rettungsaktionen nicht haben beruhigen lassen, sei kaum verwunderlich, da diese traumatisiert seien. Sie warteten auf noch klarere Signale der Staaten und besonders aus Washington.

La Vanguardia aus Spanien geht auf die Kursstürze an den europäischen Börsen trotz der Senkung der Leitzinsen ein. Völlig irrational sei im Moment das Verhalten der Anleger, denn jede Nachricht über neue Maßnahmen vergrößere die Angst und lasse die Kurse sinken, anstatt sie zu stabilisieren. Auch der IWF habe mit seiner Ankündigung der drohenden Stagnation in der deutschen Wirtschaft im kommenden Jahr nicht gerade Frohsinn verbreitet. Die größten spanischen Unternehmen Santander, BBVA, Repsol, Iberdrola und Endesa hätten alle Kurseinbußen zwischen fünf und sieben Prozent verzeichnet. Völlig offen sei, ob sich die verängstigten Investoren von weiteren Zinssenkungen der EZB im November beeindrucken ließen, kommentiert La Vanguardia.

Die Berliner taz erkennt in den Kursstürzen einen Beleg dafür, wie zweischneidig jede Intervention der Zentralbanken sei: Sie wollten Vertrauen schaffen - und provozierten doch zugleich Misstrauen; der Staat sei der Retter in letzter Not, signalisiere aber eben auch mit jeder Rettungsaktion, dass die Not groß sein müsse. Hinzu komme, dass viele Staaten und Notenbanken schon das Maximale getan hätten: Großbritannien habe einen Großteil seiner Banken verstaatlicht; die Leitzinsen in den USA seien jetzt verdammt niedrig - obwohl möglicherweise die langjährig niedrigen US-Zinsen eine Ursache der jetzigen Kreditkrise seien. "Die Anleger sind also nicht umsonst besorgt. Die Zentralbanken sind relativ machtlos - und werden noch machtloser werden."

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