Internationale Presseschau vom 9.3.2009
Finanzkrise: Eine Folge des Haifisch-Kreditsystems

Angesichts der anhaltenden Talfahrt an den Börsen und fehlender Signale der Erholung diskutiert die internationale Wirtschaftspresse erneut Ursachen und Konsequenzen der Finanzkrise. IlSole24ore protokolliert den schwierigen Dialog bei der Abwicklung der Alitalia. Der Business Spectator fürchtet um Richard Bransons Virgin-Imperium. Fundstück: Sardinen für alle Atheisten!

In einem Interview mit dem Politik-Magazin Cicero erteilt der Philosoph Peter Sloterdijk den Erklärungsversuchen, die Finanzmarktkrise sei auf Gier zurückzuführen, eine klare Absage: "Die Wahrheit ist, der viel zitierte Bereicherungstrieb spielt in der Angelegenheit eine völlig untergeordnete Rolle. Es ist nicht die Gier, die das System antreibt, die Fehlsteuerung geht von den Zwängen des Billigkreditsystems aus: Wenn die Zentralbanken kostenloses Geld ausspucken, wäre es für echte Global Player ruinös, es nicht zu nehmen." Letztlich denke heute nur noch jeder an sich, alles, was die Gesellschaft bislang unter Moral oder ethischen Regeln verstanden habe, sei überflüssig: "Die Auslagerung der Moral in die Selbstregulierung des Marktsystems war ein Versuch der modernen Menschheit, sich von der religiösen Ethik zu emanzipieren." Die neue Ideologie folge dem Wahlspruch "Ich brauche die Gesellschaft nicht mehr". In der Konsequenz werde es eine neue Klasse der Millionäre und Milliardäre geben - eine "Refeudalisierung auf überterritorialem Niveau", prognostiziert Sloterdijk.

Die Financial Times macht die Ursache für die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise in einer falschen Wirtschaftstheorie aus - eine "Wirtschaftstheorie, die eins außer Acht ließ: den Aspekt nichtrationalen Handelns, der aus Menschen manische oder panische Wesen macht." So gebe es Zeiten, in denen Menschen zu vertrauensvoll seien und die nötige Sorgfalt vermissen lassen. Hinzu komme, dass Kapitalismus nicht allein danach strebe, profitabel zu sein, sondern auch danach, Produkte zu schaffen, die keinen Nutzen haben - "und mehr noch: Kapitalismus weckt und befördert den Wunsch, diese Produkte zu besitzen." Hier liege die Natur des Kapitalismus: Zumeist bringe er Güter und Dienstleistungen hervor, die benötigt würden und die die Menschen wirklich wollten, zu einem Preis, den sie bereit seien zu zahlen. Wenn das Vertrauen aber zu groß werde - gerade bei Finanzprodukten, die schwer einzuschätzen seien - neigten Menschen dazu, auf Betrüger hereinzufallen. "An dieser Stelle muss der Staat ansetzen und regulierend eingreifen, um die Menschen zu schützen." Das erfordere nicht die Hinwendung zum Sozialismus, sondern die Schaffung makroökonomischer Bedingungen, die zum Funktionieren des Kapitalismus nötig seien, ein "weises laisser faire, dass die Menschen davor bewahrt, Produkte oder Dienstleistungen zu wollen, die sie nicht brauchen."

Das Forbes Magazin sieht die Ursache der Finanzkrise in dem auf Bankrott ausgerichteten US-Finanzsystem: "Gier und Dummheit in der Banken- und Kreditkartenindustrie konnten sich ungehindert ausbreiten." So hätten früher die Banker bei der Vergabe von Darlehen darauf geachtet, dass die Darlehensnehmer diese auch zurückzahlen konnten. Die in den 80er Jahren einsetzende Deregulierung habe es der Branche aber erlaubt, eine neue Klasse von "Lohnsklaven" zu kreieren, das "Haifisch-Kreditsystem" sei in den USA institutionalisiert worden, "unter dem Deckmantel der Demokratisierung von Krediten." "Der US-Congress sollte Zinsen für Hypotheken und Geschäftsdarlehen gesetzlich begrenzen und so möglichem Wucher vorbeugen", fordert deshalb das Magazin. Auch müsse die Regierung selbst als Geldgeber auftreten. Für Studenten gebe es bereits staatliche Kredite, Unternehmen, die Insolvenz angemeldet hätten, sollten nun auch in deren Genuss kommen: "Denn General Electric Capital, die in solchen Fällen bislang eingesprungen ist, hat ihre Kredite eingestellt. Viele Unternehmen, die mit Hilfe einer Restrukturierung überleben könnten, stehen nun vor dem Aus."

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