Internationale Presseschau von 23.7.2008
Vier-Milliarden-Pfund-Debakel

Die internationale Wirtschaftspresse bilanziert die Bauchlandung des britischen Hypothekenfinanzierers HBOS und hinterfragt die Jagd auf Short Seller. Die Süddeutsche Zeitung begrüßt, dass Siemens die Ex-Vorstände verklagen will. Die Gaceta de los Negocios warnt vor dem Vormarsch von Gazprom nach Spanien. Fundstück: Kirchen sorgen sich um Manager-Seelen.
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Der Versuch des britischen Hypothekenfinanzierers HBOS, per Kapitalerhöhung bis zu vier Milliarden Pfund einzusammeln, ist gefloppt; die beiden Transaktionsbanken Morgan Stanley und Dresdner Bank bleiben auf einem Teil der neuen Aktien sitzen. Der britische Independent fürchtet, dass sich die Aktionäre der Hypothekenbank jetzt - da die neuen Aktien nur langsam in den Markt tröpfelten - monate-, vielleicht sogar jahrelang mit der Underperformance von HBOS auseinandersetzen müssen. Das Beispiel zeige, dass Reformen überfällig seien. Besonders der Prozess der Kapitalerhöhung - die Pläne wurden von HBOS bereits im April bekanntgegeben - müsse verkürzt werden. Das "Vier-Milliarden-Pfund-Debakel" zeige außerdem, dass die Methode der Kapitalerhöhung prima auf einem Bullenmarkt funktioniere, nicht jedoch auf einem von Klatsch und Tratsch getriebenen Bärenmarkt.

Der britische Guardian richtet den Fokus auf die "Short Seller": Verkäufer von Aktienapieren, die von einem erwarteten Kursverfall profitieren wollen und dazu Papiere, die nicht in seinem Besitz sind, verkaufen, um diese in der Zukunft billiger zurückzukaufen. Solche Leerverkäufe seien nicht neu, würden aber zunehmend für den Kursverfall von Aktien verantwortlich gemacht - auch für den Kurswert-Verlust von HBOS. Als das Papier im März in wenigen Minuten 17 Prozent an Wert verloren habe, seien die Finger ebenfalls auf Short Seller gerichtet worden. Daraufhin habe die Finanzaufsichtsbehörde FSA Jagd auf Short Seller gemacht, die vor dem Hintergrund falscher Gerüchte agierten; durch die Untersuchung von Mobilfunk-Aufzeichnungen und E-Mail-Wechseln seien die Schuldigen jedoch nicht identifiziert worden. Immerhin habe die FSA später durchgesetzt, dass Leerverkäufe während einer Kapitalerhöhung meldepflichtig werden. Dies habe bei HBOS zwar nicht den Kursverfall stoppen können, wohl aber dazu geführt, dass sich Morgan Stanley am Montag als "Short" geoutet habe.

In einem weiteren Artikel zur HBOS-Kapitalerhöhung, einem der größten Fehlschläge dieser Art seit dem Fiasko bei der Privatisierung des Ölkonzerns BP, verteidigt der Guardian das "exzellente Prinzip" der Kapitalerhöhung, bei der Altaktionären ein Bezugsrecht auf die neuen Aktien gewährt wird. Dadurch werde verhindert, dass Firmenwert von den aktuellen Aktionären zu - laut Management - "befreundeten Investoren" abwandere. "Daher muss jede Reform, die Vorkaufsrechte untergräbt, mit größter Vorsicht behandelt werden", mahnt die Zeitung.

Für Les Echos aus Frankreich ist die gefloppte Kapitalerhöhung ein weiteres Zeichen dafür, dass die Finanzkrise trotz einiger "Aufheiterungen des Banken-Himmels" noch längst nicht überstanden sei. Für künftige Kandidaten einer solch massiven Kapitalerhöhung werde es immer schwieriger, bei Konsortialgeschäften entsprechende Garantien ihrer Banken-Berater zu bekommen. Um nicht den Wind aus den Segeln zu nehmen, müssten Unternehmen alternative Wege zur Kapitalbeschaffung in Betracht ziehen. Dabei seien staatliche Fonds, um die es in jüngster Zeit etwas ruhiger geworden sei, eine Option. Gleichwohl gebe es zahlreiche Hinweise, dass diese ebenfalls nicht mehr bereit seien, unabsehbare Risiken einzugehen.

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