Internationale Presseschau von 30.7.2008
Showdown in München

Die internationale Wirtschaftspresse reagiert kritisch bis euphorisch auf die angedrohte Schadensersatzklage gegen Ex-Siemens-Vorstände. zeit.de attackiert Helmut Schmidt wegen dessen Verteidigung der Kernenergie. El País sieht schwarz für den Immobilienmarkt. Nach dem WTO-Scheitern warnt das Wall Street Journal vor bilateralen Abschlüssen. Fundstück: Polo mit Protektion.
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Die Süddeutsche Zeitung begrüßt die geplante Zivilklage von Siemens gegen Heinrich von Pierer, Klaus Kleinfeld sowie neun weitere ehemalige Mitglieder des Siemens-Vorstands. Diese sei "kein Ausdruck von Missgunst, Rachsucht und Sündenbock-Suche", vielmehr seien es nur die "Fesseln des Rechts", die für Siemens-Vorstände ebenso gültig seien wie für jeden anderen. Die finanziellen Schäden für die Ex-Vorständler seien gewaltig, ahnt der Kommentator - viele hundert Millionen Euro, die auch für Vorstandsmitglieder, die gut verdient hätten, exorbitant seien. Dem zu erwartenden "Lamento der Manager-Magazine", die argumentierten, dass Manager, die keine Risiken eingingen, schlechte Manager seien, hält die Süddeutsche Zeitung entgegen: "Der Siemens-Vorstand, das ist die Basis für die Schadenersatzklage, hat nicht einfach unklug oder unrichtig, sondern rechtswidrig gehandelt oder solches Handeln zumindest geduldet oder gefördert."

Die Financial Times Deutschland sieht in der angedrohten Schadensersatzklage einen weiteren Teil der "großen Show", die Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme und Vorstandschef Peter Löscher seit Monaten veranstalteten. "Wir tun was", laute der Titel ihrer Vorstellung, in der es vor allem um eines gehe: um die maximale Distanzierung von der alten Vorstandsriege. Ob von Pierer, Kleinfeld und die anderen Ex-Vorstände pflichtwidrig gehandelt haben, sei derzeit Gegenstand mehrerer langwieriger Verfahren der Staatsanwaltschaft. "Dass der Aufsichtsrat bereits jetzt eilig Klage gegen die Manager einreicht, statt den Ausgang des Verfahrens abzuwarten, legt den Verdacht nahe, dass es ihm vor allem um die Symbolik dieses beispiellosen Schritts ging. Das Bedenkliche an dieser Show ist: Sie lenkt davon ab, auch die Rolle des Aufsichtsrats in der Schmiergeldaffäre sauber aufzuarbeiten."

"Es ist noch nicht klar, was schlimmer ist: der frühere CEO von Siemens oder heutige CEO von Alcoa zu sein", rückt das Wall Street Journal Klaus Kleinfeld in den Mittelpunkt. Diesem drohe gleich an zwei Fronten Unheil: So habe eine staatliche Aluminiumfirma aus Bahrain im Frühjahr eine Korruptionsklage gegen den von ihm geführten US-Aluminiumkonzern eingereicht. Vorwurf: Alcoa habe 15 Jahre lang Bestechungssummen an einen Regierungsbeamten des Golfstaates gezahlt, außerdem für die Lieferung von Alumina zu hohe Preise verlangt und so die Bestechungen indirekt finanziert.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung kritisiert den Siemens-Aufsichtsrat um seinen Vorsitzenden Gerhard Cromme, der stets die Erwartung geweckt habe, man werde schneller zu greifbaren Ergebnissen kommen. "Tatsächlich aber haben die 770 Millionen Euro, die Siemens schon für die Untersuchungen ausgegeben hat, bisher kaum etwas Greifbares gebracht. Für das viele Geld erhält der Beobachter vorerst nur einen tiefen Einblick in die menschlichen Abgründe der deutschen Managerelite", moniert die FAZ. Siemens müsse jetzt alles tun, um mit den amerikanischen Behörden so schnell wie möglich einen Vergleich zu schließen - was aber noch Monate dauern könne. "Woher nimmt nur der amerikanische Konzern Alcoa seine Zuversicht, der ebenfalls unter der Aufsicht der SEC steht? Denn der hat Kleinfeld inzwischen zu seinem neuen Chef gemacht", wundern sich die Frankfurter.

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