Presseschau
Air Berlin ist nicht die Bahn, Herr Mehdorn

Die Wirtschaftspresse ist überrascht über den Wechsel an der Air-Berlin-Spitze und weiß nicht, was sie davon halten soll. Auch das Schuldendrama beschäftigt die Blätter: Sie rüffeln den ungehörigen Jean-Claude Trichet.
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Nicht allzu lange ist es her, da wiesen Air-Berlin-Offizielle noch einen Bericht des manager magazins zurück, nach dem die Zeit von Gründer Thomas Hunold ablaufe. Am Donnerstag trat Hunold überraschend zurück. Ebenfalls überraschend: sein Nachfolger wird Ex-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn.

Bahnchef Mehdorn heiße mit echtem Vornamen Hartmut, erinnert die Onlineredaktion der Süddeutschen Zeitung. Mit seiner Funktion sei er so verschmolzen gewesen, dass ihn manche noch zwei Jahre nach seinem Abgang für den Bahnchef hielten. Zeit, dass die Konstellation aus dem allgemeinen Sprachgebrauch verschwinde, findet das Blatt. Der Job, als Nachfolger von Joachim Hunold die kriselnde Fluggesellschaft Air Berlin zu sanieren, passe auch eigentlich viel besser zu ihm als die Tätigkeit bei der Bahn, glaubt die SZ. „Tatsächlich ist es für Mehdorn eine Rückkehr zu seinen Anfängen, manche werten es gar als die Erfüllung eines Traumes.“ Schon als Kind sei er oft zum Flughafen Tegel geradelt, um Starts und Landungen zu beobachten. Die Fluggesellschaft seines Freundes Hunold sei zudem Vorbild für den umstrittenen Sparkurs bei der Bahn gewesen.

Auch die WirtschaftsWoche sieht den Wechsel des Ex-Bahn-Chefs als Rückkehr zu seinen Wurzeln. Rechnet aber mit ihm ab: So kühn Mehdorn zum weltweiten Logistiker aufgestiegen sei, so wenig habe er bei den Millionen von Menschen reüssiert, die sich täglich in überfüllten und verspäteten Zügen auf den Weg zur Arbeit machen. Unter ihm sei die Bahn zum Hassunternehmen avanciert, er selbst sogar zum unsympathischsten Deutschen, erinnert das Blatt und hält ihm den abgeblasenen Börsengang ebenso vor wie den Datenskandal wenig später. „Nun steht Mehdorn wieder im Fokus. Erneut hat er eine schwere Aufgabe.“ Kein Job, mit dem Mehdorn seien ramponierten Namen aufbessern könne, weiß das Blatt. „Aber immerhin kann der Ex-Bahnchef nun ungeniert in den Flieger steigen.“ Dass er nicht die Bahn nehme, werde Mehdorn nun keiner verübeln.

Die Entscheidung Körbers, die Geschäfte in die Hände des früheren Bahn-Chefs Hartmut Mehdorn zu legen, könne man nur als einen Akt der Verzweiflung bezeichnen, bemängelt das manager magazin. Fachlich sei der Neue für die Aufgabe ungeeignet. „Seine Erfahrungen als ehemaliger Airbus-Manager stellen in Wahrheit keine wirkliche Qualifikation dar“, kritisiert die Onlineredaktion des Wirtschaftsmagazins. Schließlich sei Flugzeugbau ein Industriegeschäft, während Fluglinien im Dienstleistungsgewerbe operierten. Und dass er „vom diffizilen Geschäft mit Service am Kunden nichts versteht, hat er bei der Deutschen Bahn hinreichend bewiesen.“ Das Aufsichtsgremium erwarte von Mehdorn, dass er die bereits beschlossenen Sparmaßnahmen und Restrukturierungen zügig vorantreibt. Laufe es gut, werde er nur den Übergang regeln – „zu einem qualifizierten neuen Chef, vor allem aber einem neuen Eigentümer“. Laufe es schlecht, müsse man wohl Abschied von einer durchaus beliebten Fluglinie nehmen. „Es wäre schade drum.“

Der Rücktritt von Air-Berlin-Chef Joachim Hunold sei chaotisch und womöglich auch spontan gewesen, stellt die Financial Times Deutschland fest. „In jedem Fall aber ist dieser Abgang für den Unternehmer, der Air Berlin zu einem veritablen Lufthansa-Rivalen aufgebaut hat, unwürdig“, findet die FTD. Hunold und seine Führungskräfte hätten den Wechsel koordinierter abwickeln sollen. Angeblich habe Hunold erst am Morgen seinen Rücktritt beschlossen. Nachdem er immer bestritten habe, dass er alle wichtigen Entscheidungen vorrangig mit sich selbst ausmacht und andere zu wenig einbinde, habe er mit seinem Abgang aber bewiesen, dass an dieser Darstellung etwas dran sei. Von seinen 9000 Mitarbeitern sähen viele in Hunold eine Art Vaterfigur. Sie müssten aus der Presse erfahren, dass er gehe. „Schade, dass Hunold sich diese Chance vergeben hat.“

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  • Unter Mehdorn sind Voraussetzungen geschaffen worden, dass die Züge öffter liegen bleiben. Wollen wir hoffen, dass unter ihm die Flieger nicht öfter runter fallen. Mehdorn schein ein Kostenkiller zu sein aber kein Service-Manager.

  • Air Berlin heißt jetzt Air Mehdorn:

    und wird zu einer "never come back" airline.
    Er wird sie so totsparen, wie er es mit der Bahn gemacht hat!
    Das Image wird noch unter dem von Aeroflot sinken.
    Für alles muß dann extra bezahlt werden (Wasser, Taschentuch, Toilettenbenutzung und Papier, etc.

    PS: Die Toiletten werden aber, wie bei der Bahn, außer Betrieb sein.

  • Mein Urlaub ist leider schon gebucht! Das wird aber der letzte Flug mit Air Berlin sein!

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