Presseschau
Atomkraft - Spiel mit der Angst oder Klimaschutz?

Die internationale Presse diskutiert die Auswirkungen der Atomkatastrophe in Japan auf die künftige Energiepolitik der Weltgemeinschaft - und zeigt sich in der Bewertung der Alternativen gespalten.
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„Die Atomkraft hat in die Deutschland keine Zukunft mehr“, ist die Financial Times Deutschland überzeugt - und fordert einen neuen Energiekonsens. Eingefleischte Atomkraftgegner mögen zwar den Kopf schütteln über den raschen Meinungswandel im Regierungslager, doch sie sollten „ihre neuen Freunde“ beim Wort nehmen und schnell auf eine Wende hin zu erneuerbaren Energien drängen: „Unter dem Schock des Atom-GAUs in Japan öffnet sich ein schmales Zeitfenster, das die Chance für einen neuen Energiedeal bietet.“ Es sei nicht sicher, ob die Chancen nach den AKW-Sicherheitsprüfungen in drei Monaten immer noch so günstig stünden. Wer den raschen Ausbau der Ökoenergie befürworte, müsse aber auch bereit sein, Milliarden in moderne Stromautobahnen zu investieren. Der Bedarf nach neuen Starkstromleitungen sei nicht von der Hand zu weisen. „Irgendwie muss der Strom ja von den geplanten Windkraftsparks am Meer in den Süden der Republik transportiert werden.“ Doch der Ausbau stocke, weil es vielerorts Widerstand gegen überirdischen Stromtrasse gebe. „Auch deshalb ist ein breiter Konsens wünschenswert. Wenn Regierung und Opposition hinter dem Ausbau stehen, könnte das die Akzeptanz des Netzausbaus erhöhen.“

Auch La Tribune aus Frankreich sieht die Katastrophe als Chance für eine Neubewertung der weltweiten Energiewirtschaft. „Seit vier Jahrzehnten greifen wir abwechselnd zurück auf Erdöl und Ergas oder auf Atomkraftwerke, um Energie im Überfluss bereitzustellen. Das Ölembargo 1973 verhalf der Nuklearenergie zu neuem Aufwind, die Störfälle in den USA 1979 und Russland 1986 rückten wieder Öl und Gas in den Fokus.“ Auch wenn die Ölpreise nun kurz gesunken seien, müsse man mit ihrem Anstieg rechnen, gerade auch mit Blick auf die arabische Revolution. „Dennoch werden Staaten wie Frankreich, die USA und vor allem China an der Atomenergie festhalten, sie wüssten gar nicht, durch was sie sie ersetzen können, sie sind dazu verdammt, weiter an ihre Unschädlichkeit zu glauben.“ Nach den von Brüssel angekündigten „Stress-Tests“, nach der Abschaltung deutscher Atommeiler und nach dem Stopp für den Bau von drei neuen Schweizer Atomkraftwerken würden weitere Rückzüge folgen. „Die Katastrophe macht den Weg frei für eine komplette Neuausrichtung der Energiepolitik. Man wird sich an Solar- und Windenergie gewöhnen, und daran, Energie zu sparen.“

Die Wirtschaftswoche protokolliert die Haltung der „Atomländer“ zu einer möglichen Wende in der Energiepolitik - und kommt zu dem Schluss, dass die meisten unter ihnen die Angst vor einem Gau außer Acht lassen. In den USA habe Präsident Barack Obama bekannt gegeben, dass nukleare Energie „ein Teil der Gesamtenergiepläne“ bleibe, Analysten warnten zudem vor den hohen Kosten, wenn die Sicherheit der US-Meiler überprüft werden müsste. Frankreich fürchte um die Milliarden, die es derzeit in den Bau neuer Meiler in Ländern wie den  USA, Indien oder China investiere. Russland wolle seine Position als weltweit führender Lieferant schlüsselfertiger Atomkraftwerke nicht verlieren, Regierungschef Wladimir Putin habe betont, dass das Land die Atompläne unbeirrt weiter verfolgen werde. China treibe die Pläne zum Ausbau der Atomkraft voran, auch wenn vorerst alle geplanten und in Bau befindlichen Atomkraftwerksprojekte gestoppt wurden. Fazit: Deutschland wende sich wohl endgültig von der Kernkraft ab, aber in anderen Staaten bauten viele Politiker unbeirrt auf Atomstrom. „Dass die Kraftwerke zum Teil marode sind und in Risikoregionen stehen, scheint dabei bewusst ignoriert zu werden.“

„Seit Jahrzehnten wird vor den Folgen eines möglichen Gaus gewarnt, doch wir wollten diese Einwände nie hören“, übt die Korea Times Selbstkritik. „Wir haben den Einschätzungen der Experten geglaubt, weil wir ihnen glauben wollten - Experten, die der Atomindustrie angehörten und Regierungen. Sie haben uns Atomenergie als reines, vollkommen sauberes Produkt verkauft.“ Dabei habe es stets Warnungen vor Atomkraftwerken gegeben, insbesondere vom Nuclear Control Institute in Washington, das die von Erdbeben und Stürmen bedrohten japanischen Inseln nicht für geeignet gehalten und die Verwendung von Plutonium statt weniger angereichertem Uran in den japanischen Meilern kritisiert habe. „Das Erdbeben hat Japan vermutlich um rund 240 cm verschoben - doch offenbar braucht es eine größere Kraft, um die Experten in den Regierungen und der Industrie weltweit dazu zu bringen, sich endlich zu bewegen“, schimpft das Blatt.

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Auf der Suche nach Alternativen zur Nuklearenergie

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  • Ergänzend wäre auch dieses noch interessant
    http://globalklima.blogspot.com/2009/03/wenn-die-fachbegutachtung-scheitert.html

  • "Vor einer schwierigen Entscheidung sieht das Wall Street Journal die Welt bezüglich ihrer künftigen Energiepolitik, wolle sie ihre Klimaschutziele einhalten." Daran sieht man, daß manche Journalisten die Wirklichkeit verweigern und mache Medien eher Politik machen, als darüber zu berichten. Das zeigt sich, wenn man die Dinge kritisch hinterfragt.
    Erste Frage: Was ist "Klima"? Antwort: eine nicht präzise definierte Langfriststatistik des Wetters an einem Ort.
    Zweite Frage: Was ist ein "Klimaschutzziel"? Antwort: "Klimaschutzziel" ist die politisch willkürlich festgesetzte Verknappung der CO2-Zertifikate, die die Wirtschaft noch erwerben kann, um einen Prozentsatz von einem Ausgangswert.
    Dritte Frage: Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Wetter an einem Ort und der Verknappung von CO2-Zertifikaten? Antwort: ???...

    Eine der vielen interessanten Beobachtungen in der seit Jahrzehnten andauernden Klimadebatte ist die, daß eigentlich jedermann klar ist, daß die CO2-Anteile in der Luft keinerlei Einfluß auf das Wetter haben. Aber auf ominöse Art und Weise gelangt dieser Einfluß dann in die statistische Aggregation des Wetters, genannt "Klima". Oder nicht?

    Wer es nicht glaubt, der mag unsere Studie zu dem Thema lesen: www.ke-research.de/downloads/klimaretter-1-3.pdf

  • Damit war zu rechnen. Außer hohlen Lippenbekenntnissen zu Freiheit und Demokratie geschieht nichts. Sehr viele Landesfürsten haben das Problem einfach ausgesessen - unsere Kanzlerin natürlich auch.

    Die Krähen hacken sich untereinander keine Augen aus und halten ihre Nester fest im Griff. Nicht an ihren Worten, sondern an ihren Taten erkennt man sie.

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