Presseschau
Ausland wundert sich über deutsche Ehec-Angst

Während in Deutschland weiter nach der Ursache des Ehec-Keims gesucht wird, kritisieren ausländische Medien das deutsche Krisenmanagement. Zu hektisch, zu planlos und vorschnell gehe man mit der Krankheit um.
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Die New York Times widmet sich der Warnung der Deutschen vor Sprossen, die damit zu vergleichen sei, dass man die eigene Nase für ein mit Viren beladenes Niesen verantwortlich mache. Das Darmbakterium, das in Deutschland eine "Horrorshow" auslöse - STEC, also ein E. coli-Bakterium, das Shiga-Toxin produziere - habe sich möglicherweise nur auf den Sprossen als idealem Träger gehalten oder sogar reproduziert, dies könne aber nicht nachgewiesen werden. Gleichwohl sei die Angst ernst zu nehmen.

Auch in den USA gebe es Zehntausende STEC-Fälle im Jahr, über die allerdings nicht berichtet werde. Bei der Prävention solcher Seuchen hätten die USA große Defizite, was auf mangelhafte finanzielle Ausstattung der entsprechenden Behörden und das fehlende Engagement der Politiker zurückzuführen sei - auch in den USA hätte eine Verbreitung des Darmbakteriums, je nachdem, um welchen Typus es sich handele, aktuell nicht verhindert werden können.

Die Kleine Zeitung aus Österreich nimmt die Informationspolitik der deutschen Behörden in Schutz. Hätten diese aus ökonomischen Gründen den leisesten Verdacht nicht sofort öffentlich geäußert, wäre der Aufschrei ungleich größer. "Da muss aus Sicherheitsgründen die sofortige Informationspflicht selbst bei noch nicht eindeutigen Beweisen vor jeder ökonomischen Überlegung stehen." Gleichwohl sei die Angst vor Ehec zumindest weit entfernt vom Krisengebiet Norddeutschland hysterischer Natur: "Wenn nämlich in der Gurke die größere Gefahrenquelle als in Autos gesehen wird."

Die Welt fordert eine bessere Abstimmung zwischen Bund und Ländern, Bundesämtern und Ministerien, die für den Ernstfall besser gerüstet sein müssten, um schneller reagieren zu können. "Die zuständigen Minister und ihre Behörden müssen erklären, warum sie sich nicht an ihre eigene Warnung erinnert und die längst als potenzielle Keimträger identifizierten Sprossen nicht eher untersucht haben. Und sie müssen erklären, welche Konsequenzen sie aus diesen offensichtlichen Versäumnissen ziehen werden, um die Bevölkerung in Zukunft besser zu schützen." Für 21 EHEC-Patienten sei es allerdings bereits zu spät.

Die Bild-Zeitung moniert einen "verantwortungslosen" Umgang mit den Sorgen der Verbraucher, der dadurch zustande komme, dass von Landwirtschaftsministerien, Gesundheitsbehörden, Forschungsinstituten bis hin zu Kliniken jeder bei der Jagd auf die "Killer-Keime" mitmische und mit den eigenen Einschätzungen für noch mehr Verunsicherung sorge. "Wer koordiniert eigentlich all diese sogenannten ,Experten?? Warum gibt es keine zentrale Stelle, in der alle Erkenntnisse zusammenlaufen, überprüft und - wenn bestätigt - bekannt gegeben werden?"

Fazit der Zeitung: Eine zentrale Stelle zur nationalen Seuchen-Kontrolle müsse eingerichtet werden, damit "Schluss mit dem Gegurke" sei.

Die Financial Times Deutschland kritisiert die Reaktionen von Politikern, Bauern und Verbrauchern auch auf die Ehec-Erkrankungen. Den von Bauern geforderten Entschädigungszahlungen hält das Blatt entgegen, dass der Kaufstreik der Deutschen aus Furcht vor Erkrankungen zum unternehmerischen Risiko eines Landwirts gehöre. Außerdem gefährde eine regionale Häufung eines gefährlichen Bakteriums nicht gleich die Existenz von Gurken- und Salatbauern in ganz Europa. Kritisch äußert sich die Zeitung auch zur Forderung von EU-Gesundheitskommissar John Dalli, dass deutsche Behörden keine Warnungen vor Lebensmitteln aussprechen sollten, bis alles eindeutig untersucht und belegt sei. Die Gesundheit der Verbraucher sei wichtiger als der Gurkenumsatz.

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