Presseschau
Ben Bernankes Kuhglocke

Die Internationale Wirtschaftspresse diskutiert, ob die Geldflut der Fed die Realwirtschaft wirklich ankurbeln kann. Die Financial Times Deutschland sieht die EZB zur Zentral-Bad-Bank degenerieren. Moneyweek entlarvt die hohlen Versprechen Südostasiens gegenüber Investoren. Fundstück: Wasserauges charismatischer Führungsstil.
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Das Wall Street Journal schildert eine berühmte "Saturday Night Live"-Parodie, in der Christopher Walken einen Rockmusik-Impresario spielt, der einer jungen Band zu "mehr Kuhglocken - und sonst nichts" rät. "Schauspieler Will Ferrell trommelt wie wild auf einer Kuhglocke, aber es ist nie genug für Herrn Walken", schildert die Zeitung die Szene. Zum Schluss schreie Walken: "Ich habe ein Fieber, und das einzige Rezept ist: Mehr Kuhglocken." Federal Reserve-Chef Ben Bernanke müsse ein Fan davon sein, glaubt das WSJ. Er wende dieselbe Logik auf die Geldpolitik an. "Die Wirtschaft wächst nicht schnell genug, und das einzige Rezept ist mehr Geld." Das sei der einzige Weg, den gestrigen Sturz des Fed-Offenmarktkommitees in die nächste Runde quantitativer Erleichterungen zu interpretieren, erklärt das Blatt. "Herrn Bernankes Version von Dollarnoten aus dem Helikopter werfen." Eine schrecklich riskante Strategie für, wie wir erwarten, geringen ökonomischen Ertrag. Herrn Bernankes monetäre Kuhglocke fließe in höhere Preise und führe vielleicht zu neuen Blasen. "Unserer Erfahrung nach bekommen Zentralbanker, die mehr Inflation verlangen, sie gewöhnlich auch", hält das Blatt fest, "manchmal mehr, als sie wollten."

Nachdem Fed-Chef Ben Bernanke die Stimmung für QE2 - Quantitative Erleichterung 2.0 - vorab getestet hatte, wie ein Golfer einen neuen Schläger auf dem Grün, habe er schon sicher sein können, dass die Märkte ebenso wie seine politischen Herren zumindest milde positiv darauf reagieren würden, dass er mit langlaufenden Staatsanleihen im Wert von 600 Milliarden US-Dollar die Märkte fluten wird, schreibt der australische Business Spectator. Bernanke werde keine Zweifel gehabt haben, dass Washington mit Blick auf die Wahlen von ihm resolute Schritte erwartet habe, um die angeschlagene US-Wirtschaft zu beleben. Und der Druck auf die Zentralbank werde wohl noch steigen. "Doch viele Analysten zweifeln daran, dass QE2 - das die Langfristzinsen weiter senken wird - tatsächlich erfolgreich die Realwirtschaft anfacht, indem es die Konsumentenausgaben und Investitionen der Unternehmen erhöht", berichtet das Blatt. Hoch verschuldete Konsumenten würden sich eher aufs Tilgen konzentrieren. Und Unternehmen, die bereits große Mengen Cash in ihren Bilanzen und Überkapazitäten in ihrem Unternehmen hätten, würden auf den leichten Abfall der ohnehin niedrigen Zinsen nicht mit Investitionen und Personaleinstellungen reagieren, vermutet das Blatt. "Bernankes großes Risiko ist, dass die Ankündigung von QE2 vielleicht Märkte und Politiker bei Laune gehalten habe, das aber nicht so bleiben wird, wenn nicht die US-Wirtschaft bald Zeichen der Erholung zeigt." Ob Bens Geld am Ende für nichts gewesen sein wird?

Ungewöhnlich scharfe Kritik verortet Die Presse in China. "Solange die Welt keine Zurückhaltung bei der Ausgabe von Weltwährungen wie dem Dollar übt, ist das Eintreten einer neuen Krise unvermeidlich", zitiert die österreichische Zeitung aus einem offiziellen Organ der chinesischen Zentralbank. Die Volksrepublik müsse einen währungspolitischen Schutzwall errichten, um sich vor externen Schocks zu schützen. China ist auf Rohstoffimporte angewiesen und fürchtet daher bei den Rohstoffen eine Preisrally, die auch die Inflation im Land verstärken könnte. Neue Blasen etwa bei Rohstoffen fürchteten auch Kritiker in Europa, China sowie auch den USA berichtet das Blatt und zitiert Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP): "Es reicht nicht, allein das Wasser hinzustellen. Die Pferde müssen auch saufen."

Die US-Unternehmen reagierten auf die Geldflut der US-Zentralbank Fed anders als erhofft, stellt die Onlineredaktion des manager magazin fest. Die Unternehmen horteten das Geld, kauften eigene Aktien zurück oder akquirierten Firmen. Jobs schaffe das nicht. Das US-Wachstum drohe schwach zu bleiben. "Auch die deutsche Sonderkonjunktur wäre dann in Gefahr." Und nicht zuletzt werde das mit den prallvollen Kriegskassen der Unternehmen bestrittene Große Fressen auch Deutschland erfassen, orakelt die Onlineredaktion des Magazins. "Das Fressen hat bereits begonnen. Nicht große und schwierige Fusionen stehen auf der Tagesordnung, sondern der Kauf kleinerer Mitbewerber, die sich vergleichsweise leicht integrieren lassen." Der durch die Aktienrückkaufprogrammen befeuerte Höhenflug an den Börsen, sei Experten unheimlich, sie fürchteten neue Spekulationsblasen. Andere gingen jedoch davon aus, dass die Investoren schon darauf dringen würden, dass die Unternehmen mit ihrem vielen Bargeld auch etwas produktives anstellten. Auch der Start nach den Rezessionen 1991 und 2001 sei holprig gewesen.

Die Financial Times denkt derweil über die Disintegration der Eurozone nach. "Wahrscheinlich ein chaotischer Prozess." Es werde Zeit brauchen zu klären, ob es zu einer Rückkehr zu nationalen Währungen kommen werde oder ob zwei oder drei Zonen entstehen würden. "Euroföderalisten werden mit Zähnen und Klauen kämpfen, um eine Disintegration der Eurozone zu verhindern." Aber wenn etwas nicht nachhaltig sei, werde es nicht erhalten. Währungen hätten schon früher Währungsunionen verlassen, wie beispielsweise Irlands Ausstieg aus der Währungsunion mit Großbritannien 1979, erinnert das Blatt. Viele Deutsche würden liebend gern die D-Mark zurück haben. Südeuropäer teilten zwar zweifellos das menschliche Verlangen, das Stück Kuchen zu nehmen und zu essen. "Aber am Ende werden sie sicher die Chance willkommen heißen, wieder Kontrolle über ihre eigenen Schicksale zu erlangen, statt einer nicht endenden Periode von Stagnation und sinkenden Lebensstandards gegenüberzustehen", glaubt die FT. Und selbst Frankreich werde irgendwann realisieren, dass keiner der genialen Währungspläne, die sie produziert hätten, Deutschland unter die Knute zwingen werde.

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  • ben bernanke hat vor lauter keynesianischer Cleverness doch glatt Adam Riese vergessen. Ein typisch institutionell verkorkster Wirrkopf. Kriegt bestimmt bald den Nobelpreis.

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